Teure Kugeln

Guardian-Infografik zu britischen Staatsausgaben.

Guardian-Infografik zum Haushalt

Der Guardian hat sich ein wichtiges, aber sehr trockenes Thema genommen und es formidabel in eine Infografik umgesetzt: Where your money goes: the definitive atlas of UK government spending. Die Grafik zeigt, welche Ministerien und nachgeordneten Behörden wie viel Geld ausgegeben haben. Daraus wird im gedruckten Guardian eine wunderschöne Doppelseite, im Netz eine leichtgängige Flash-Grafik mit erklärender Audio-Tour.
Dazu gibt es für Ausdrucker ein PDF-Dokument zum Download und für Weiterforscher eine Google-Tabelle für eigene Berechnungen.

Akten für alle

Crowdsourced Journalism beim Guardian.

Wer sehen will, wie eine großartige Zeitung ihre Leser einspannen kann, um riesige Datenmengen zu durchforsten, findet beim Guardian ein grandioses Beispiel. Die Spesenabrechnungen der britischen Parlamentarier, die seit Wochen für Schlagzeilen sorgen, sind von der Parlamentsverwaltung eingescannt und veröffentlicht worden. Insgesamt sind es rund 700.000 Dokumente. Der Guardian hat eine Website, mit der dem Nutzer ein zufällig ausgewähltes Dokument angezeigt wird, das er bewerten soll: Handelt es sich um ein Spesenformular oder eine Rechnung? Ist das Dokument spannend, unwichtig oder bereits bekannt? Die Nutzer sollen sogar die Daten von der Rechnung in ein Textfeld eintippen. Wer mag, kann sich statt eines zufällig ausgewählten Abgeordneten auch direkt seinen eigenen Parlamentarier vorknöpfen.

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Warum machen Nutzer das? Weil es bei wenigen Dokumenten wenig Mühe macht, weil Detektivarbeit Spaß macht und weil der Nutzer sich womöglich an der Aufdeckung eines Skandals beteiligt. Warum macht die Zeitung das? Weil es die eigene Arbeit durch Vorsortierung erleichtert, weil es die Leser begeistert und weil es die Zugriffe auf das Onlineangebot steigert. Ein Gewinn für beide Seiten.

Nachtrag: Wie die Anwendung entstanden ist und was bislang entdeckt wurde.

Nachtrag: Im Vorfeld hatte nur der Telegraph die Spesen-Akten zugespielt bekommen und daraus Tag für Tag ein Titelthema gewonnen. Milo Yiannopoulos schrieb am 2. Juni: „I’d like to see a ‚messy‘ collective of Kool-Aid slurping Wikipedians conduct the sort of rigorous analysis necessary for the Telegraph’s recent MPs‘ expenses investigation. Can you imagine social media achieving anything like it? Of course you can’t: great journalism takes discipline and training (…)“ Mittlerweile haben beim Guardian übrigens 20.000 Nutzer 160.000 Seiten untersucht.

Zeitsenke

Google Street View für London.

Natürlich kein vollwertiger Ersatz für einen Kurztrip nach London, aber ein Trost: Das Kameramobil von Google ist im vergangenen Sommer viel durch britische Städte gefahren. Wer bei Google Maps UK das kleine gelbe Männchen auf die Straßenkarte zieht, kann die Stadt durchwandern. Selbstverständlich gibt es auch in Großbritannien Proteste dagegen, vielleicht etwas weniger hysterisch als in Norddeutschland. Ein paar Aufnahmen:

  News International, London

Wapping, Pennington Street: Hier ließ Pressemagnat Rupert Murdoch 1986 heimlich eine Druckerei errichten, um seine Zeitungen auf modernen Maschinen herzustellen — und die Macht der Druckergewerkschaften SOGAT und NGA zu brechen. Streiks und Demonstrationen blieben erfolglos.

  Alexandra Palace, London

Von diesem Sendemast aus hat die BBC 1936 weltweit erstmals regelmäßige, nach damaligen Maßstäben hochauflösende Fernsehsendungen übertragen. (Doctor-Who-Fans kennen den Mast ohnehin aus Folge 177.)

  Salford Quays, Manchester

Diesmal nicht London, sondern Manchester: Dort entsteht gerade mediacity:uk, ein riesiges Medienzentrum, in dem unter anderem 2.300 Leute von der BBC arbeiten sollen — als Teil einer Dezentralisierungs-Strategie.

Überplant

Vorbereitungen für das Ableben von Queen Mum.

Als die Mutter von Königin Elisabeth II. vor knapp sieben Jahren im Alter von 101 Jahren starb, war die BBC vorbereitet. Sehr gründlich vorbereitet: Über Jahrzehnte hatte die BBC die Berichterstattung geplant, zweimal im Jahr gab es Probedurchläufe. Die Planungen gerieten nach und nach bizarr detailliert, berichtete Chris Cramer, der nach 20 Jahren bei der BBC damals CNN International leitete:

„When I was at the BBC, there was a cupboard, and there were black dresses and there were black ties. There was a glass cabinet, because we were paranoid that people would lose the key to the cupboard. So in fact, there was a little hammer, and you used the hammer […] to actually get the ties and the dresses and the scripts out.“

Bei den Onlinern vom Guardian bestand der erste Schritt im Queen-Mum-ist-tot-Plan dagegen im Entfernen eines Inhalts, wie Onlinechefin Emily Bell gerade verraten hat:

„At the Guardian, in days gone by, we had a rather splendid Dress the Queen Mother interactive on our website (decommissioning it was the first instruction to the duty editor who was on the shift when she passed away).“