Echt falsch

US-Sender und der Handelskammer-Hoax.

Screenshot aus einem CNBC-Video

Auf eine falsche Pressekonferenz hereinzufallen, ist für einen Fernsehsender schon peinlich genug. Aber anschließend vor laufender Kamera auf den Zettel zu zeigen und zu erklären, es sei ja das richtige Logo auf der Pressemitteilung zu sehen gewesen, das grenzt an eine Kapitulationserklärung.

(Das oben war CNBC. Hätte sich Fox Business 45 Sekunden mehr Zeit für die Recherche gelassen, wäre dem Sender dies hier erspart geblieben.)

Nachtrag: Die Yes Men haben ein Video veröffentlicht, das den Moment zeigt, in dem der echte Pressesprecher der US-Handelskammer die falsche Pressekonferenz auflöst.

Feldgeister

RFID sichtbar gemacht.


Video: Immaterials: the ghost in the field.

Wie können Designer mit einer unsichtbaren Technologie arbeiten? Schlecht. Daher haben Timo Arnall, Einar Sneve Martinussen und Jack Schulze sich Sonden gebastelt und mit langzeitbelichteten Fotos das Lesbarkeits-Areal zwischen RFID-Transponder und Lesegerät sichtbar gemacht. Mehr auf den Blogs der Beteiligten: Das Touch Project gehört zur Osloer Architektur- und Designhochschule, BERG ist eine Londoner Designberatung.

Entdeckt habe ich den Film über Adam Greenfields Blog Speedbird. In einem Essay über den Film schreibt Greenfield darüber, welchen Einfluss Design (und Feldstärke) auf den Einsatz solcher Systeme haben: In Hongkong müssen U-Bahn-Fahrgäste ihr Ticket nicht aus der Handtasche nehmen, sondern bloß die Tasche in die Nähe des Lesegeräts bringen; auf den Tokioter Linien der JR East geht das nicht, weil die Geräte aus Sorge vor Langzeitfolgen der elektromagnetischen Felder gedrosselt wurden. Was die richtige Entscheidung ist? Greenfield: „Unless you understand a little bit about what RFID is and how it works, you have no way of assessing how a system built on the technology is designed, and whether you wish to accept or reject the propositions embedded in it.“

Dass Timo Arnall und Jack Schulze Vergnügen an RFID haben, zeigt übrigens der folgende Film noch etwas besser:


Video: Nearness.

(Wem dieses Sichtbarmachen des Unsichtbaren gefällt, der wird Semiconductors fünfminütiges Magnetic Movie sehr mögen. Nichts für Magnetophobiker.)

Metamaulkorb

Der Guardian-Erfolg gegen eine „super-injunction“.

Als eine Anwaltskanzlei eine Verfügung gegen den Guardian erwirkte, dass die Zeitung nicht über eine bestimmte Parlamentsanfrage berichten dürfe, hatten die Anwälte an die erste Metaebene gedacht: Die Verfügung beinhaltete auch das Verbot, zu berichten, über welche Anfrage der Guardian nichts berichten darf. Die naheliegende Antwort des Guardian: Das Blatt berichtete darüber, dass es nicht darüber berichten dürfe, worüber es nicht berichten dürfe.

Im Unterhaus sorgte das selbstverständlich für Empörung über die Anwaltskanzlei, im Internet sorgte es dafür, dass die Anfrage auf prominenten Blogs landete. Noch bevor der Guardian die Verfügung anfechten konnte, zog die Anwaltskanzlei sie zurück.

Und worum ging es nun in der Anfrage? Der Labour-Abgeordnete Paul Farrelly wollte dies von Justizminister Jack Straw wissen: Welche Auswirkungen hat (unter anderem) eine von der Firma Trafigura erwirkte Verfügung, die die Berichterstattung über eine Untersuchung eines Giftmüllskandals verbietet, auf Hinweisgeber und auf die Pressefreiheit? Das ist natürlich ein schöner Trick, damit die Medien berichten können, dass jemand im Parlament Fragen zum Berichterstattungsverbot stellt. Tief Luft holen: Trafigura wollte also dem Guardian verbieten, darüber zu berichten, dass er nicht darüber berichten darf, dass er nicht über einen Bericht berichten darf.

Guardian-Herausgeber Alan Rusbridger schreibt dazu: „A combination of old media – the Guardian – and new – Twitter – turned attempted obscurity into mass notoriety.“

Über die Untersuchung darf die Zeitung übrigens immer noch nicht berichten. Bei Wikileaks ist ein Dokument zu finden, bei dem es sich um diese Studie handeln soll.

Nachtrag: Charlie Brooker hat es, wie so oft, brilliant zusammengefasst. If a tree falls in the forest and there’s no one to hear it, can Carter-Ruck ban all mention of the sound?

Noch ein Nachtrag: Endlich darf der Guardian berichten — und zeigt nun auch einmal, wie eine solche super-injunction aussieht.