Journalistenquarantäne

Die US-Kongresswahl 2006.

Prognose und Hochrechnungen für die US-Kongresswahlen stemmen mal wieder die Fernsehsender und die Nachrichtenagentur Associated Press gemeinsam. Diesmal sollen die Daten der Wahltagsbefragung aber nicht schon am Nachmittag im Internet landen: In einem fensterlosen Raum in New York sitzen je zwei Vertreter von ABC, CBS, CNN, Fox, NBC und von AP. Ohne Handy, Notebook und Blackberry, berichtet Howard Kurtz. Erst um 23.00 Uhr dürfen sie Kontakt zu ihren Büros aufnehmen.

Und wann steht das Ergebnis endlich fest? Eine Tendenz soll am frühen Mittwochmorgen, etwa gegen 3.00 Uhr erkennbar sein, schreibt tagesschau.de. Wird es im Repräsentantenhaus knapp, könnte es sogar noch bis Donnerstag dauern.

Nachtrag: OpinionJournal führt auf, wann wo die Wahllokale schließen (18.00 Uhr Ostküstenzeit = 0.00 Uhr MEZ). Und Wonkette hätte da noch eine kleine Bitte — Send Us Leaked Exit Poll Reports!

Und noch was: Dass CNN zahlreiche Top-Blogger in einem Kaffee in Washington versammelt, um das dann in CNN Pipeline zu übertragen, ist reichlich bizarr. Wonkette: „CNN bets that you’ll pay them money to watch footage of a blogger blogging about blogging about being on CNN’s live internet video thingy.“

Lockmittel Blitzlicht

Free Access Week bei NYTimes.com.

I went to feed the ducks and birds on the Alster lake just off the Kennedybrücke. None of them came, but when I took a Polaroid, the flashbulb attracted them as if it were bread. I used to think that the future was California, but now I think the future is Germany.

Aus Douglas Couplands Lesereise-Notizen von 2001. Couplands Blog Time Capsules ist, wie die übrigen sonst kostenpflichtigen New-York-Times-Onlineangebote, bis zum 12. November frei zugänglich: Free Access Week dank eines Sponsors.

Verdrossenheits-TV

Slate-Serie zur Wahlwerbung.

Slate zeigt zu den US-Kongresswahlen, was sich mit Video im Netz auch machen lässt: Aus der Kolumne „Damned Spot“ ist jetzt eine Video-Serie der übelsten Wahlwerbespots geworden, einschließlich Political Ad Slime Awards. Sehr hübsch wird etwa der Spot „Ford Isn’t Right“ seziert.

Hamburger Sonntag

Die neuen Mopo- und Abendblatt-Ableger.

Hamburger Sonntagszeitungen Eine Woche nach dem Abendblatt (Axel Springer) hat nun auch die Hamburger Morgenpost (Montgomery) ihre Sonntagszeitung auf den Markt geworfen. Die Sonntags-Mopo bleibt kompakt (26×35 cm), wächst aber etwas über das werktägliche U-Bahn-Tabloid-Format hinaus. Das Sonntags-Abendblatt schrumpft dagegen vom Großformat auf 28,5×40 cm — fast treffen sich die beiden Konkurrenten in der Mitte.

Morgenpost Die Mopo geht mit 88 Seiten an den Start — 12 Seiten davon Sportteil, 8 Seiten Comicteil und unsägliche 20 Seiten, die überwiegend mit Gratulationsanzeigen gefüllt sind. Das Blatt ist eine Fortsetzung der Alltags-Mopo, damit nicht gerade ein Feuerwerk, aber solide. Die Reportage von einer Schiffsverlängerung um 20 Meter ist das optische Highlight; ein amerikanischer Hund, der auf zwei Beinen läuft, der inhaltliche Tiefpunkt. Wer die Mopo mag und noch mehr Sport haben möchte, wird gut bedient.

Abendblatt 48 Seiten dick ist das Abwehrblatt aus dem Hause Springer, darin ein 8 Seiten dicker Sportteil. Das Abendblatt will der Sonntags-Mopo den Auftakt vermiesen, aber der eigenen Welt am Sonntag keine Leser nehmen. Das Resultat ist ein relativ trauriger Schnellschuss. Seite zwei: „Schröders Hamburger Verlag plant Hartz-Biografie“. Seite drei: Beim Merkel-Besuch in Großbritannien wurde zunächst eine belgische Flagge aufgestellt, dann aber durch eine deutsche ersetzt — das ist bei der Mopo eine Kurzmeldung. Seite vier und fünf: Werdende Eltern hoffen, dass ihr Nachwuchs zwecks Elterngeld erst Neujahr kommt. Die originellste Idee ist eine Zusammenstellung Hamburger YouTube-Videos, leider auch online ohne Links; absoluter Tiefpunkt eine menschelnde Interview-Paternosterfahrt mit dem scheidenden Finanzsenator. Die Sonntags-Crew hat sich kräftig bei der eigenen Veranstaltungsbeilage „Live“ bedient, mischt diese aber mit fiesem Boulevard auf den letzten Seiten. Drei Kostproben: „Angelina Jolie – Prozesse um Dollar und Unterhosen?“ — „Victoria Beckham – Ich wär so gerne Lady Posh“ — „Miss England schlief mit Jury-Mitglied – entthront“.

Und jetzt kann ich endlich die FAS lesen, wie auch künftig jeden Sonntag.

Nachtrag: Offenbar kein schöner Start für die Mopo — ein „unbekannter Datenfehler“ verzögerte die Auslieferung um Stunden.

Mehr zum Thema:
Medienhandbuch.de: Hamburg im Sonntagszeitungsfieber
w&v: Sonntags-Mopo muss Copypreis senken

Papierlinks

Verweise zwischen Zeitung und Website.

Da immer wieder über die Frage debattiert wird, ob Print-Inhalte eins zu eins oder doch lieber nur eins zu zwei ins Netz gestellt werden sollen: Auf der Titelseite der „Herald Tribune“ stehen heute vier Absätze über das Internet Governance Forum (das seltsame Gremium, das als Kompromiss nach dem UN-Internetgipfel entstanden ist). Und am Ende des Artikels: iht.com/tech – complete article online. Der vollständige Artikel, für jeden kostenlos im Netz zugänglich, hat 15 weitere Absätze.

Da stellt sich unter anderem die Frage, ob die Leser der papierenen Ausgabe sich nicht ärgern, dafür Geld zu bezahlen. Möglicherweise dann nicht, wenn der Papier-Artikel für den Durchschnittsleser schon informativ genug ist und der Online-Artikel sich an den besonders interessierten Leser wendet?