Der Jauch-Effekt

Besuch von Fernsehzuschauern.

Vor fast drei Jahren habe ich die Website ICANN Channel geschlossen und im letzten Eintrag auf Wortfeld verlinkt. Am Freitagabend folgten zahlreiche Besucher diesem Link hierher. Was passiert ist? Günther Jauch. Er muss um ziemlich genau 21 Uhr bei „Wer wird Millionär“ nach ICANN gefragt haben. ICANN Channel ist der zweite Treffer für die Google-Suche nach ICANN, zudem der erste deutschsprachige. Der Jauch-Effekt lässt sich anhand einer ansonsten brachliegenden Website besonders schön ablesen: Binnen zwölf Minuten wurde die Startseite 3.000 Mal aufgerufen, die Seitenaufrufe insgesamt stiegen von durchschnittlich 30 auf 4.461 in einer Stunde.

(Wer sich für ICANN interessiert, ist natürlich bei Wortfeld ebenfalls gut aufgehoben. Schließlich war das mindestens schon die zweite Frage zu ICANN, die ein Wer-wird-Millionär-Kandidat nicht beantworten konnte.)

Tipp: Strippenzieher und Hinterzimmer

Politiker und Journalisten in Berlin.

Hintergrundzirkel, Fahrstuhlmeuten, Dauerempfänge – über die Symbiose von Politikern und Journalisten in der Hauptstadt berichtet die Dokumentation Strippenzieher und Hinterzimmer. Nach der Erstausstrahlung am Montagabend im Südwest Fernsehen läuft sie am Mittwoch (8. März) um 23 Uhr als Zapp Spezial im NDR Fernsehen. In der vergangenen Woche gab es bei Zapp bereits als Vorgeschmack einen Beitrag über Politiker und Journalisten in Berliner Hinterzimmern. Nach dem Anschauen des Films von Thomas Leif und Julia Salden bleibt der Wunsch nach einer Entschleunigung – aber wie?

Washington-Post-Blogs, Teil drei

Kommentare sind längst wieder erlaubt.

Die leidige Geschichte, über die ich eigentlich gar nicht mehr schreiben wollte: Blogs gescheitert, weitermachen und Nochmals Washington-Post-Blogs.

Seit fast drei Wochen dürfen Leser bereits wieder in dem einzigen der Washington-Post-Blogs kommentieren, in dem diese Funktion für etwa eine Woche abgestellt war. Dort wurde die Filterung regelwidriger Kommentare umorganisiert. Fast 600 Kommentare sind seither eingegangen.

Dieser Tage lag die März-Ausgabe des DJV-Magazins journalist im Briefkasten. Dort steht auf Seite 59 dies: „Doch nicht immer laufen die Blogs erfolgreich: Nach nur knapp zwei Monaten hat die ‚Washington Post‘ ihr Weblog abgeschaltet.“

Sack Reis umgefallen

China spaltet das Internet – doch nicht.

Im Netzwelt-Ticker schreibt Matthias Kremp bei Spiegel Online, dass die britische Zeitschrift PC Pro darüber berichtet, dass die chinesische People’s Daily Online vermeldet, dass China ein eigenes Domainnamensystem einführt. „Spaltet China das Internet?“, fragt Spiegel Online besorgt und bezeichnet dabei die Netzverwaltung ICANN fälschlich als Unternehmen.

Der chinesische Schritt stelle nun „vor allem die Betreiber von Name-Servern, die quasi den Verkehr im Internet leiten“ vor Probleme, weil diese nun „chinesische .com-Domains von solchen im Rest der Welt“ unterscheiden müssten, zitiert Spiegel Online aus der PC Pro.

Zeit für ein kleines Quiz für die sprachkundigen Wortfeld-Leser. Welche dieser beiden .com-Domains ist wohl die chinesische:

example.com 中国互联网络信息中心.公司

Erkannt? War doch gar nicht so schwer! (Tipp: Auch die Domainendung ist in chinesischen Schriftzeichen.)

Mit Spaltung des Internets hat der chinesische Schritt nichts zu tun, und es ist wohl auch kaum eine Reaktion auf das Dauer-Hickhack beim Weltgipfel zur Informationsgesellschaft. Schließlich hat die chinesische Länderdomainverwaltung CNNIC das nicht nur bereits im November 2004 angekündigt, sondern im März 2005 mit der Registrierung solcher Domains begonnen.

Wer sich dennoch für diese Nicht-Neuigkeit interessiert, kann — eher etwas für Spezialisten — bei Milton Mueller weiterlesen.

Ein Präambelproblem

Blogs und der Medienkodex des Netzwerks Recherche.

Die Journalistenorganisation Netzwerk Recherche hat einen Zehn-Punkte-Medienkodex vorgelegt. Am meisten Wirbel verursacht offenbar die Regel Nr. 5, „Journalisten machen keine PR“. Mich hat indes die Präambel in Erstaunen versetzt. In voller Länge lautet sie:

Neue Technologien und zunehmender ökonomischer Druck gefährden den Journalismus. Um seine Qualität und Unabhängigkeit zu sichern, setzt sich das Netzwerk Recherche für dieses Leitbild ein.

Unter „zunehmendem ökonomischen Druck“ kann ich mir durchaus etwas vorstellen, aber was sind die „neuen Technologien“, die den Journalismus bedrohen? Weblogs? Content-Management-Systeme? Tee-Pads für Kaffeebrühmaschinen? Die Pressemitteilung zum Kodex wiederholt die Formulierung lediglich, im Konzeptionspapier von 2004 ist von Technologien noch keine Rede.

Die Federführung bei der Erarbeitung des Kodizes hatte nach seinen eigenen Worten Professor Rainer Burchardt, Vorstandsmitglied beim Netzwerk Recherche, scheidender Deutschlandfunk-Chefredakteur und Dozent für Medienmanagement an der FH Kiel. In einem Interview zum Medienkodex sagt er, der politische Journalismus sei in den letzten Jahren schneller, zugleich fehleranfälliger worden und unter Druck geraten. Zitat: „Das hat ganz viel zu tun mit der Digitalisierung, also der technologischen Entwicklung auf der einen Seite, mit dem Internet natürlich auch. Wir haben es mittlerweile mit einem sehr aggressiven Internetjournalismus zu tun, mit dem so genannten Blogging.“ Also doch.

Neue Technologien ... gefährden Journalismus

Mit wenig Mühe wäre das als Maschinenstürmerei abzutun, zumal die Präambel auf dem Kodex-Poster für die Redaktionswand unglücklicherweise in Erik van Bloklands Schrift FF Trixie erscheint, die auf dem Schriftbild einer alten Schreibmaschine beruht. Zur Ehrenrettung des Netzwerks Recherche: Viele schlaue Leute dort setzen sich sehr für Informationsfreiheit ein, unterstützen beispielsweise die Vermittlung von Techniken der Software-gestützten Investigativrecherche und wollen keineswegs zurück zu Farbband und Tipp-Ex.

Vor zwei Jahren schrieb Rebecca Blood einen Essay mit mindestens zwei weisen Sätze über Journalisten und Blogger:

Reporters would benefit by regarding bloggers as modern Baker Street Irregulars. When bloggers link to conflicting or contextualizing material, smart reporters will further research and verify promising leads, and credit the bloggers who uncovered them.

Wer das für die typische überbordende Selbstverliebtheit einer Bloggerin hält, lese einen aktuellen Artikel des BBC-Online-Korrespondenten Paul Reynolds mit dem Titel „Bloggers: an army of irregulars“. Es ist keine Wunschvorstellung, es ist hier und heute Realität für Journalisten und Medien, die sich darauf einlassen.

Trotz der relativ eindeutigen Äußerungen Burchardts habe ich per E-Mail beim Netzwerk Recherche um eine Klarstellung gebeten, was mit „neuen Technologien“ konkret gemeint ist. Falls es doch die Tee-Pads für Kaffeebrühmaschinen sind, hat das Netzwerk meine volle Unterstützung.

Nachtrag: Sehr Lesenswertes über Old-School-Ängste und Trennungsgebote im Medienkodex schreibt Lorenz Lorenz-Meyer in seinem Weblog Club Volt.