Wiki P. und die Namen

Wikipedia-Debatte über Anonymität.

Bei Spiegel Online schreibt Holger Dambeck über eine interessante Debatte unter Wikipedianern über die Nennung von Familiennamen in einem Kriminalfall. Es geht konkret um den Fall des Hackers Boris F., der unter dem Pseudonym Tron bekannt wurde. Vor einem halben Jahr habe ich schon einmal gefragt, was im Zeitalter von Google eigentlich noch Folgeberichterstattung ist. Am Beispiel des „Soldatenmords von Lebach“ ging es damals um die Resozialisierung eines Täters, im Fall Tron um die Interessen des Opfers und seiner Hinterbliebenen.

Die Diskussion halte ich für dringend notwendig, wenngleich gerade der Fall Tron sich dafür weniger gut eignet. Zum Teil wird argumentiert, dass der Name doch anderswo ganz genannt wird. Damit sind wir schnell beim niedrigsten Standard. Wikipedia ist, wie einer der Diskussionsteilnehmer anmerkt, längst ein Massenmedium — und hat damit eben Verantwortung, auch jenseits von juristischen Pflichten.

18 Kommentare

  • Das Thema ist auch aus anderem Grund interessant: Denn ausgerechnet die Verfechter der Pseudo-Anonymität Trons betreiben gleichzeitig massiv die Skandalisierung seines Todes. Wie man auf der Webseite „Tronland“ sehen kann: die Medien, die ach so vorbildlich den Nachnamen von Tron abgekürzt haben, fanden absolut nichts dabei sein Bild unverfremdet neben großen äußerst fragwürdigen Schlagzeilen abzudrucken. Und in der Wikipedia läuft es ähnlich: Die Leute, die am nachdrücklichsten die Streichung des Namens fordern, betonen im gleichen Atemzug wie überaus wichtig seine Erfindungen waren, was ihn widerum zu einer absoluten Person der Zeitgeschichte macht.

    Die Motivation vieler Beteiligten liegt wohl nicht in einem Schutzbedürfnis des Verstorbenen oder seiner Angehörigen. Mit Vorbehalt dazu ein Link auf einen IMHO sehr fragwürdigen Blogger, der hier aber einige interessante Punkte aufzeigt: //r-archiv.de/modules.php?name=News&file=article&sid=2219

  • PS: Wikipedia kann nicht wirklich den Weg der Presse gehen, Namen abzukürzen oder Fotos zu verfremden. Hier gibt es nur den Weg: ganz oder gar nicht. Entweder Tron ist einer Person der Zeitgeschichte und gehört somit mit Name in die Wikipedia oder er gehört gar nicht hinein.

  • „Person der Zeitgeschichte“ – ob die Sache für wikipedia so einfach ist? Ich stochere ein wenig im Dunkeln, aber diese Defitiion gilt sicher nur für die Presse und evtl. die Wissenschaft. Aber dann müsste sich Wikipedia eben auch an deren Regeln halten bzw. es können andere Einschränkungen gelten (Stichwort Stasiakten).

    Unabhängi von Wikipedia ist es aber auch vor allem für die professionellen Medien interessant: Wie sieht es mit Namensnennungen von Verdächtigen, Angeklagten, Verurteilten und längst wieder freigelassenen aus? Wie weit gehen die Persönlichkeitsrechte, wie weit sollten sie gehen? Lässt sich das allgemein definieren? Werden Archivfunktionen im Netz ausgehebelt, während Zeitungsausgaben für alle ewig in Bibliotheken eingesehen werden können.

    Ein längerer Text zum Umgang mit Archiven im ONlinejournalismus steht hier: //goa2003.onlinejournalismus.de/webwatch/10jahrearchive.php

  • „Person der Zeitgeschichte“ ist zunächst einmal eine Figur aus dem Bildrecht, und das KunstUrhG differenziert hier nicht nach Presse und Rest („verbreitet und zur Schau gestellt werden“, § 23). Bei Fotos in der Wikipedia ist das relevant, und das wissen die Wikipedianer natürlich auch.
    //de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Bildrechte#Aufnahmen_von.2Fmit_Personen

    „Werden Archivfunktionen im Netz ausgehebelt, während Zeitungsausgaben für alle ewig in Bibliotheken eingesehen werden können“ — da gibt es natürlich einen erheblichen, auch juristisch relevanten Unterschied, nämlich wie sehr so etwas in die Rechte des Betroffenen eingreift. Und da ist es ein erheblicher Unterschied, ob ich in einer Zeitung erwähnt werde, die in schweren Bänden im Magazin einer Handvoll deutscher Universitätsbibliotheken archiviert liegt, oder ob jeder, der im Internet nach meinem Namen sucht, auf einen Artikel stößt, der weiterhin online ist.

  • Eben, Person der Zeitgeschichte ist Bildrecht – daher wunderte ich mich darüber, warum das nun das Kritierium für Namensnennungen in der Wikipedia sein sollte.

    Wir können sicher gespannt sein, wie sich die Rechtsaufassungen hier in den nächsten Jahren herauskristallisieren.

  • Ich finde es beruhigend, daß hier auf den Kern der ganzen Diskussion hingewiesen wird: „Wikipedia ist … längst ein Massenmedium — und hat damit eben Verantwortung, auch jenseits von juristischen Pflichten.“ Ganz genau! Man hat es innerhalb der Wikipedia bisher meist verabsäumt, sich über die eigenen moralischen Pflichten Gedanken zu machen oder darüber eine grundsätzliche Entscheidung zu treffen. Der Fall Tron ist nicht gerade der schönste Anlass, um endlich konstruktiv über diese Dinge zu sprechen, aber man sollte ihn nutzen. Daher ist es traurig, daß die sich die Diskussion momentan in Mutmaßungen darüber ergeht, wer warum die Einstweilige Verfügung erwirkt hat.

    Meiner Meinung nach kann diese Sache ganz erhebliche Auswirkungen auf die Zukunft der Wikipedia haben und es wäre doch an der Zeit, sich jetzt konstruktiv auseinanderzusetzen und für die Zukunft einen Verfahrensablauf zu finden, der als Leitfaden dienen kann.

  • Moralische Pflichten? Juristisch m. E. wohl ziemlich verfehlt beratenen Eltern eine sonderbare Privatvorstellung von Persönlichkeitsrechten eines Verstorbenen zu gewähren, kann ich nicht unter Moral verbuchen. Der Artikel in der Wikipedia stellt das tragische Lebensende nur wie enzyklopäisch geboten kurz dar (im Gegensatz zu den jahrelang munter verbreiteten Verschwörungstheorien aus dem CCC-Umfeld, die über das ganze Netz verbreitet sind, und die auch der Grund sind, warum überhaupt sachlich mit mehr als einem Satz auf den Tod eingegangen werden muss). Alles andere im Artikel stellt eine Würdigung des Könnens und der Verdienste Trons dar. Dass darüber nicht der – längst überall bekannte – volle Namen des Verstorbenen stehen soll, verkaufen die Eltern dann auch noch als Wahrung des Persönlichkeitsrechts. Im Gegenteil verweigern sie dem Sohn wohl eher die ihm zustehende posthume wissenschaftliche und gesellschaftliche Anerkennung als IT-Genie. Dass in dieser Gemengelage der CCC mitsamt Vermutungs- und Verschwörungstheoretiker AMM als verfolgte Unschuld dastehen, und andererseits ausgerechnet die Wikipedianier mit der Moralkeule erschlagen werden sollen, halte ich für einen schlechten Witz.

  • Lieber AndreasP — es geht zumindest mir hier (aber auch Andy Müller-Maguhn und den Eltern, wenn ich es richtig verstehe) nicht um den Eintrag an sich (also die „Würdigung des Könnens“), sondern um die Namensnennung. Dass der Nachname Trons „längst überall bekannt“ ist, halte ich für eine Fehlwahrnehmung, aber auch nicht für ein gutes Argument in der Diskussion. Es gibt jede Menge Menschen, die eine Zeitlang bekannt sind. Früher waren sie nach einer Weile aus den Medien verschwunden — Radio und Fernsehen versendet sich, Zeitungen und Zeitschriften landen in Archiven. Das Web hat ein deutlich längeres Gedächtnis.

  • Alexander:

    Wikipedia ist eher ein Archiv als ein Massenmedium – wenn man das heute noch trennen kann.

    Die Eltern hatten anscheinend(!) kein Problem damit, dass das unverfremdete Foto ihres Sohnes groß auf Boulevardzeitungen erschien, zusammen mit despektierlichen Details seines Privatlebens. Und dies wird von „Freunden“ heute noch online gestellt, die URL dazu überall verbreitet. DAS ist die Verletzung der Persönlichkeitsrechte, die aber vermeintlich aus gutem Willen geschieht und deshalb nicht verfolgt wird.

    Ja, die Wikipedia muss sensibler sein als bisher – vor allem, wenn jetzt Printausgaben erscheinen, die man nicht so einfach editieren kann. Aber in diesem Fall ist alles Mögliche getan worden: keine Fotos, keine absurden Spinnereien, keine besonderen Details aus dem Privatleben. Der Artikel wahrt die Rechte der Eltern und auch die Rechte Trons (der bei weitem nicht so anonym war, wie heute viele behaupten).

    Fassen wir es zusammen: Wer Trons Namen abkürzt, der tendiert dazu, seine Persönlichkeitsrechte in anderer Weise zu verletzten – schließlich wurde ein Feigenblatt übergestreift. Seriösere Medien hingegen hatten nach Abwägung kein wirkliches Problem mit der Namensnennung.

  • >>Seriösere Medien hingegen hatten nach Abwägung kein wirkliches Problem mit der Namensnennung.

    Interessant, dass „seriösere Medien“ je nach Bedarf in die Tonne getreten werden – oder wie hier als Argumentationshilfe herhalten müssen.

  • Süddeutsche Zeitung (12.1.) und Spiegel Online (10.1.) haben sich übrigens gegen die Nennung des Nachnamens entschieden — aber davon abgesehen kann das, was andere Medien tun, immer nur ein Anhaltspunkt sein.

  • Die Computerwoche oder die BBC habe ich als „seriöser“ empfunden als die BILD-Zeitung und sonstige Käseblätter, die das „tote Hackergenie“ gefeiert haben. Man möge mir das nachsehen, da immer wieder behauptet wird, alle Medien hätten den Namen abgekürzt. Auf Grundlage solcher Falschaussagen ist halt nicht gut zu argumentieren.

    Dass jetzt nochmal Medien auf den Abkürzungstrick verfallen, hängt unter anderem an einem künstlich erzeugten Aktualitätsdruck, der die Eltern als Opfer ins Scheinwerferlicht rückt – was der normale Wikipedia-Artikel nie gemacht hätte. Ein Artikel unter 350000, der von einer Special-Interest-Kundschaft alle Jahre lang Mal angeklickt wird, ist etwas anderes als eine Schlagzeile.

    Das ist verständlich, aber inkonsequent umgesetzt. Wenn man mal im Pressekodex nachliest, welchen Sinn eine Anonymisierung überhaupt machen soll – nämlich dass man die Person eben nicht über einen Mausklick erkennen kann – sieht das Ganze sehr merkwürdig aus.

  • (Meinst Du Observer statt BBC?) Ich glaube, wir kommen nicht so recht weiter, weil es mir gar nicht so sehr um den konkreten Fall und die Eltern von Boris F. geht. Es spielt keine große Rolle für eine Person, dass ein Artikel über ihn nur einer von mehr als 300.000 ist. Ein einzelner Artikel oder Blogeintrag kann einschneidende Folgen haben, wenn er unter den Google-Treffern 1-10 ist.

    Das Internet ist das Gegenteil einer Zahnpastatube: Zahnpasta bekommt man leicht aus der Tube und schwer wieder rein. Beim Internet kommt man schnell rein und ziemlich schwer wieder raus. 🙂

  • Sicherlich werden wir in der Sache keine Einigung erzielen – wir sind da unterschiedlicher Meinung, gewichten die Sachverhalte anders und beziehen uns auf eine andere Faktenlage. (Im Übrigen meinte ich wirklich die BBC.)

    Aber es werden sehr interessante Themenfelder gestreift. Dein letztes Posting wirft wieder eine interessante Frage auf: Welche Verantwortung haben wir für unsere Google-Platzierung? Sicherlich kann eine Google-Platzierung Folgen haben. Aber wir können sie nicht wirklich steuern. Wir hatten ja kürzlich die Fälle Bremer Sozialgericht und Heidi Klum, die von Bloggerseite relativ eindeutig bewertet wurden. Im Fall Tron/Wikipedia soll ein anderes Ergebnis herauskommen. Weshalb? Wo sind die Knackpunkte?

    Die Definitionen von Massenmedien und Nicht-Massenmedien verschwimmen im Internet. Das kann aber im Endeffekt nicht wirklich bedeuten, dass sich jeder Furz (sorry) im Internet am Pressekodex messen lassen muss. Wo die Grenzen zu ziehen sind, ist eine schwere Frage.

  • PS: Unfairer Link zur Pseudo-Anonymisierung von Personen
    //www.bildblog.de/?p=1086

  • Es geht doch nicht darum, den Artikel aus der Wikipedia zu nehmen! Tron soll unter dem Namen eingetragen bleiben und gewürdigt werden, den er sich selbst gegeben hat. Es geht darum, dass der Klarname dort nicht stehenbleiben soll. Und dabei spielt es auch keine Rolle, ob der Name anderswo schon oft genannt wurde: Wikipedia ist schon eine der bekanntesten Seiten, Wikipedia ist dauerhafter als eine BILD von 1998/99 und Wikipedia ist gebeten worden, lediglich den /Nachnamen/ zu entfernen, nichts weiter(!)

  • stefanolix: „Würdigungen“ sind nun mal nichts für Wikipedia, das kann man dem Altar auf Tronland überlassen – wo übrigens die nicht-dauerhaften BILD-Berichte heute noch stehen.