VeriSign gibt nicht auf

Die Sondersitzung naht, und VeriSign beruft sich auf Innovation und Investitionen.

Wildcard-Joker
Ein Editorial von VeriSign-Vizepräsident Mark McLaughlin lässt ahnen, wie deren Angriffslinie bei der heutigen Sondersitzung des ICANN-Sicherheitskomitees vermutlich verläuft: Innovation und Investitionen gegen eine angeblich kleine Schar von technoreligiösen Puristen. Die freedom to innovate war auch bei Microsoft Leitmotiv, um sich gegen die Vorwürfe des Machtmissbrauchs zu verteidigen. Die letzten Briefe von VeriSign an ICANN sind in deutlich drohendem Unterton. Allerdings ist da noch der erwähnte Washington-Faktor. Der renommierte Direktor des CSIS wird die Sitzung einleiten, das Department of Homeland Security hat seine Teilnahme angekündigt. Die Sitzung findet heute von 16.00 bis 21.30 Uhr MESZ statt und wird per RealMedia übertragen (dazu ein Linux-Tipp).

Update: Dank Thomas Roessler gibt es ausführliche Notizen von der Sondersitzung!

Idee der Woche

Ein Konsortium sollte sich dummen Kommentaren im Internet widmen.

Sie trampeln auf Anke Gröners Seiten herum, die Elfe findet sie in den Heise-Foren vor, sie nerven bei Slashdot ebenso wie bei ICANNwatch. Die Schilder mit dem Fütterverbot werden im Zoo leider auch ignoriert, es ist also höchste Zeit für eine Lösung nach dem Verursacherprinzip: Eine On-Board-Unit auf dem Rechner, die die Abrechnung dummer Kommentare übernimmt. Alternativ eine Voranmeldung irritierender Forenbeiträge auf der Website des Konsortiums, das die Sache in die Hand nimmt. Einen Namensvorschlag für den künftigen Exportschlager gibt es kostenlos dazu:
Troll Collect

Die VeriSign-Sondersitzung naht

Die meisten Sprecher lassen VeriSign-Kritik erwarten.

ICANNs Sicherheitskomitee hat die Tagesordnung für seine Sondersitzung zu VeriSigns Wildcards veröffentlicht. Bei diesen Sprechern wird VeriSign mit Pauken und Trompeten untergehen: Unter anderem auf Paul Vixie geht der BIND-Patch zurück. Richard M. Smith hat Datenschutzprobleme mit Sitefinder aufgedeckt. Steve Bellovin gehört zur IAB-verwandten IESG und hat Sitefinder als „man- (or monkey-)in-the-middle“-Angriff bezeichnet. John Klensin ist IETF-Liaison gegenüber dem ICANN-Direktorium und hat, wie David Schairer, zum kritischen IAB-Bericht beigetragen. Steve Crocker ist Vorsitzender des ICANN-Sicherheitskomitees, das sich ebenfalls kritisch geäußert hat. Übrig bleibt Scott Hollenbeck, Director of Technology, VeriSign Inc.

Update: ICANNwatch beglückt uns mit einem VeriSign-Song.

FoxNews und die Folgen

Erhebliche Fehlwahrnehmungen der Nahost-Lage und die Rolle der US-Medien.

Grafik zu Fehlwahrnehmungen - © PIPAEine Studie des Program on International Policy Attitudes (PIPA) kommt zu interessanten Ergebnissen: Je mehr ein US–Amerikaner seine Nachrichten aus dem kommerziellen Fernsehen bezieht, desto verzerrter ist sein Bild vom Irak-Krieg. Gefragt wurde, ob 1. klare Belege für eine Zusammenarbeit von Saddam Hussein und Al-Qaida gefunden wurden, 2. Massenvernichtungswaffen gefunden wurden und 3. es weltweit eher Zustimmung oder Ablehnung für den Irak-Krieg gab.

Das sind keine Meinungs-, sondern Wissensfragen (1. bislang nicht, 2. bislang nicht, 3. nachweislich eher Ablehnung). Die Bush-Anhänger sind der PIPA-Studie zufolge besonders schlecht informiert, und je mehr sie FoxNews sehen, desto mehr Fehlwahrnehmungen haben sie. Ein Artikel fasst die Ergebnisse zusammen.

Journalismus und Anrufbeantworter

Die englischsprachigen Medien vermerken, wenn die Gegenseite nicht erreicht wurde.

In englischsprachigen Medienberichten wird häufig am Ende vermerkt, dass die erwähnte Gegenseite erfolglos kontaktiert wurde:

X did not immediately return a call this morning. City officials did not return phone messages Saturday. Executive Director X did not return two phone calls this week. Deputy District Attorney X did not immediately return calls Friday. No Polish defence ministry official was available for comment on Saturday. A Wayne County assistant prosecutor handling her case did not return phone calls seeking comment. X did not immediately return a message left at his Jerusalem hotel, where it was Saturday, the Jewish Sabbath.

Sätze wie diese sind offenbar die Folge eines journalistischen Selbstverständnisses, das nicht nur verlangt, die Gegenseite zu hören, sondern diesen Versuch auch zu dokumentieren. Es ist allerdings traurig, wenn dieser lobenswerte Ansatz zu einem Strickmuster für Artikel ohne hinreichende Eigenrecherche degeneriert. Dave Winer hat dies bereits aufgespießt: „The earth, in fact, is round. To report it as a dispute, while technically accurate, is still a lie.“

Bei einigen Artikeln über VeriSigns Wildcard-Abenteuer werden verschiedene Ansichten ebenfalls nur hintereinander gestellt, ohne die Argumente auf Stichhaltigkeit zu prüfen. Natürlich soll der Leser die abschließende Bewertung vornehmen. Dazu muss der Journalist allerdings mindestens die wichtigsten Einwände kennen und nennen. Mir scheint allerdings, dass der dokumentierte Versuch, die Gegenseite zu sprechen, in den deutschen Medien seltener, jedenfalls nicht der Regelfall ist.