Hinter Censordyne

Ein australischer Spot gegen Netzfilter.


YouTube-Video: Censordyne

Dazu gibt es noch eine Censordyne-Website und eine Censordyne-Suchmaschine.

Wo kommt so etwas her?

Hinter dem Spot steckt eine Kampagne von GetUp, eine Kreuzung aus Bürgerbewegung, Lobbygruppe und Internetcommunity, die stark an die amerikanische Organisation MoveOn erinnert. Die Mitgliedschaft ist kostenlos, nach GetUp-Angaben haben sich 325.000 Menschen angemeldet — auf Deutschland umgerechnet wären das 1,2 Millionen.

Bei den derzeit 23 aktiven GetUp-Kampagnen geht es um sehr unterschiedliche Themen, beispielsweise bezahlten Mutterschutz, Klimawandel, eine Entschuldigung gegenüber den Aborigines oder konkrete Naturschutzproteste. In der Vergangenheit hat sich GetUp dafür eingesetzt, dass der australische Guantanamo-Gefangene David Hicks nach Australien zurückkehrt und dass Kinder nicht in Asylhaft kommen.

Gegen eine Filterung des Internets durch die australische Regierung haben sich aber nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Bürgerrechtsgruppen und Bibliotheksverbände ausgesprochen. Auch Save the Children hat sich der GetUp-Kampagne angeschlossen und erklärt, das Vorhaben der australischen Regierung sei unverhältnismäßig, kaum zielführend und schütze nicht vor der Verbreitung von Kinderpornografie durch E-Mail-Verteiler, Chatrooms und Tauschbörsen. (Save the Children Deutschland gehörte dagegen zu den Organisationen, die schon den rechtlich fragwürdigen Provider-Verträgen applaudiert haben.)

GetUp sammelt Spenden, um den Werbespot möglichst auf allen Qantas-Flügen in die Hauptstadt Canberra zu zeigen und damit Politiker und ihre Mitarbeiter zu erreichen, die zur nächsten Sitzungswoche anreisen. Mit einem Comedy-Spot wie diesem schafft es GetUp aber natürlich auch kostenlos ins Fernsehen, weil der Spot selbst zur Story wird.

Das Kampagnen-Denken hinter GetUp wird deutlich, wenn es um das Vorschlagen neuer Kampagnenthemen geht:

– In one or two lines, what is your campaign about (what problem are you seeking to address)?
– What is the desired political outcome (what, specifically, are you trying to achieve)?
– Who has the power to make change happen, or at least influence the political result (should we be targeting dissenting MPs, the media, the Prime Minister)?
– What’s the campaign’s message (i.e. Fund our ABC, or No child belongs in detention)?
– What should the campaign ask GetUp members to do (sign a petition, call talkback radio, attend a rally, email their Federal MP)?
– Is there a target audience for this campaign (university students, mums and dads, Australians affected by drought)?
– What is the timing of this issue (why should we run a campaign about this now, or later)?

Zusammengefasst: Ein humorvoller, professionell gedrehter Spot, der kostenlos ins Fernsehen kommt, sich im Internet viral verbreitet und direkt auf Politiker und deren Mitarbeiter zielt. Ein Bündnis, das auch diejenigen umfasst, die sich möglicherweise für das kritisierte Vorhaben aussprechen könnten. Eine Organisation, die allein mit dem Thema Netzpolitik niemals so viele Mitglieder zusammenbekäme. Nachdenken über Ziel, Akteure, Botschaft, Zielgruppen und Timing. Ja, so kann so etwas klappen.

Video gefunden via @FranziskaHeine.

Neuland

Interview und Video zum Protest gegen Netzsperren.

Das lesenswerte Zeit-Streitgespräch mit Franziska Heine und Ursula von der Leyen endet mit der Frage, was die 134.000 Unterzeichner der Petition jetzt machen, da CDU und SPD das Gesetz trotz ihrer Einwände und Proteste beschlossen haben. Ministerin von der Leyen: „Jetzt beginnt die Phase, in der man erkennen wird, ob Sie nachhaltig dranbleiben.“ Petitions-Initiatorin Heine: „Für mich ist die Petition der Anfang einer völlig neuen Oppositionsform außerhalb der politischen Parteien. Ich denke, da wird in Zukunft eine Menge passieren.“

Dazu passen die Aufnahmen von den Hamburger Protesten gegen das „Zugangserschwerungsgesetz“ vom Wochenende. Uta Meier-Hahn hat an diesem extrem regnerischen Tag die Leute gefragt, warum sie heute auf dem Rathausmarkt stehen:


Video: Bewegung aus dem Netz (CC-by-nc-nd) Uta-Meier Hahn

Eine klare Ansage

Große Koalition will Internet-Sperrlisten einführen.

Okay,

dann gibt es eben auch in Deutschland einen groß angelegten Online-Wahlkampf mit Tausenden, die sich mit Kreativität politisch engagieren und die sich mit technologischen Werkzeugen einmischen, dabei aber über Twitter und Blogs hinaus wirken. Den Startschuss haben soeben diejenigen gegeben, die trotz der Expertenkritik und der Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit, trotz eines Rückgangs der Fallzahlen, trotz läppisch leichter Umgehbarkeit eine Infrastruktur errichten wollen, mit der deutsche Behörden das Internet filtern und Inhalte sperren statt rechtsstaatlich und in internationaler Kooperation gegen illegale Inhalte vorzugehen.

Der Auftakt ist die Petition, die noch knapp 24 Stunden lang mitgezeichnet werden kann, und die dann voraussichtlich die Online-Petition mit den bislang meisten Unterstützern ist. You ain’t seen nothing yet.