Auf geht’s, gießen wir doch mal etwas Wasser in den wohlfeilen Wein. Und beginnen dennoch mit einem Glückwunsch, nämlich an die Adresse von Katahrina Blum, nun Chefredakteurin eines noch nicht gestarteten Projektes der WAZ-Mediengruppe, aber bereits seit 5.7. lt. Impressum WAZ Stellvertetende Chefredakteurin von (noch) Deutschlands größter Regionalzeitung.
Noch – der erste Tropfen Wasser: Seit Jahren sinkt die Auflage der WAZ, seit einem Jahr dramatisch, seit einem halben Jahr noch dramatischer. Weil der Relaunch, den der neue Chefredakteur (U. Reitz) dieser Zeitung verpasst hat, nicht zum Ur-Charakter dieser Zeitung passt? Weil da versucht wird, aus der WAZ etwas zu machen, was sie nach Willen ihres Gründers (Erich Brost) niemals und eben ganz bewusst nicht sein sollte? Die WAZ auf dem Weg zur Ruhr-FAZ? Das kann nur scheitern, aber solche Bedenken beweisen (jedenfalls dem Chefredakteur der WAZ) nur dies: Wer da die Stirn kräuselt, ist im Denken von gestern verhaftet.
Sieben Lokalredaktionen werden geschlossen, weil sich 60 Mitarbeiter in den Redaktionen nicht für eine Auflage von 16.000 Abos rechnen. Aber niemand wird entlassen, sondern es wird eine Regio-Redaktion eingerichtet mit 25 Planstellen. Eine Regio-Ausgabe im Magazin-Stil ohne »kleinteilige Lokalteile« (Reitz), denn wir machen jetzt im Kreis Recklinghausen »die Zeitung für den Leser von Morgen«.
(Ganz am Rande: Wenn denn wirtschaftliche Überlegungen der Ausgangspunkt für das Projekt waren, wie geht dann die Rechnung weiter? Niemand wird entlassen, also keine Einsparung bei den Personalkosten. Regio-Ausgabe statt Lokalteil, also 10 gleiche Seiten für alle, statt wie bisher 5 Seiten für jede Stadt, das heißt: doppelter Papierverbrauch. Und: Dazu kommen die Kosten für den Lokalteil-Ersatz, das neue Internet-Angebot, mit dem kein Euro-Cent verdient wird, das aber viele Euros verschlingt.)
Die WAZ richtet also zunächst im Kreis RE ihren Fokus auf den Leser von Morgen. Bleiben wir noch einen Moment beim Leser von Heute: Den kennt die WAZ sehr genau. Der durchschnittliche Leser der WAZ ist knapp 55 Jahre alt, hat eine Familie und ist (gemessen an seinem Bildungsabschluss) Facharbeiter. Dieser durchschnittliche Leser hat (statistisch erfasst) zu 40% einen Internetanschluss, der aber (ebenfalls statistisch erfasst) eher selten (3 bis 4x monatlich) genutzt wird. Das, wie bemerkt, ist der Leser von Heute.
Was fängt der mit der neuen WAZ an? Die Antwort ist so schlicht wie logisch: Nichts! Die neue Regio-WAZ wird ihm keine lokalen Sporttabellen mehr liefern, keine Übersicht über die Notdienste der Apotheken, keine Reportage vom Schützenfest und kein Bild von der Jubilarehrung im Kleingartenverein. Kleinteiliges eben aus dem Lokalen, nach dem Willen des Gründers dieser Zeitung das Rückgrat dieser Zeitung, ihre Existenzberechtigung. Das Kleinteilige soll es ungedruckt im Internet geben. Da dürfen die Vereine ihre Bilder abladen, da dürfen die lokalen Parteien ihre Streitthemen diskutieren, da dürfen sich die Leser der Regio-Zeitung über steigende Gebühren und schlechte Straßen ärgern – wer da nicht mitmacht, der findet auch nicht statt. Lokaljournalismus der ganz besonderen Art: Schreibt doch Eure (Internet-)-Zeitung selber, wir haben Besseres zu tun.
Der Leser von Heute wird seine Konsequenzen ziehen. So er denn auf eine kleinteilige Lokalzeitung nicht verzichten will, hat er – welch ein Zufall! – in all den Städten, in denen die WAZ das kleinteilige Segel streicht, eine Alternative, nämlich eine Lokalausgabe aus dem Bauer-Verlag. – Das wird ein spannender Feldversuch.
Übrigens: Der Leser von Morgen war für die Zeitungsverlage auch vor 30, 25, 20 und 15 Jahren schon ein Problem. So regelmäßig wie die Frage nach dem Leser von Morgen kam die Erkenntnis: Der Leser von Heute zeugt die Leser von Morgen, von Generation zu Generation vererbt sich die Erwartung an die Lokalzeitung, man möge doch bitte gründlich und seriös, konstruktiv kritisch und auch unterhaltend, zuverlässig und vor allen Dingen glaubwürdig über das Geschehen vor Ort informiert werden: in der Themenauswahl und Gestaltung hat jede Zeit ihre eigene Zeitung, die im Kern aber als Lokal- und Familienzeitung unverzichtbar ist, Qualitätszeitung der eigenen Art.
Dass diese Regio-Zeitung bei der WAZ beschlossen wurde ohne die Anzeigenleitung, die Vertriebsleitung und die Personalleitung auch nur um ihre Meinung zu fragen, dass es bis heute kein Konzept gibt, dass auch nur im Ansatz versuchen würde, Chancen und Risiken einer solchen Entscheidung zu bewerten, geschweige denn in Zahlen zu fassen, dass es kein ausgearbeitetes Konzept für das neue Internet-Portal gibt – kein Wunder, dass man auf den Fluren der Essener Zentrale nicht glauben will, all dies sei tatsächlich von den Gesellschaftern der WAZ Mediengruppe, denen der Funke-Seite zumal, abgesegnet worden.
Noch einmal: Ein herzlicher Glückwunsch an die Adresse von Katharina Blum. Man ist gespannt auf ihre Beiträge. Was man von ihr im Netz schon gelesen hat, macht neugierig. Interessant war, was am Mittwoch in der Bochumer WAZ zu lesen war, ein Interview mit der Mutter der neuen Online-Chefredakteurin. Die begrüßt das neue Angebot der WAZ für junge Leute und bricht eine Lanze für die gedruckte Lokalzeitung.
(Diese Lokalzeitung würde übrigens – natürlich auch nicht in Wattenscheid – niemals nachdrucken, was »Lyssa« im Internet über das Liebesleben ihrer Mutter zu erzählen hat.)
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