Was Blogger können

Über die Weblog-Studie von Matthias Armborst.

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Abbildung auf dem Cover des Armborst-Buches Was Friseure können, können nur Friseure: Dieses schöne Friseursalon-Dogma scheinen manche beim Netzwerk Recherche auch auf Journalisten anzuwenden. Jedenfalls klingt so die bedrohliche Pressemitteilung zu einer Neuerscheinung über Weblogs, ihr Verhältnis zum Journalismus und zur Medienethik. Über den Pressetext und den Buchtitel ist schon ziemlich heftig gestritten worden — aber das Buch selbst bereichert die Diskussion immens! (Ja, ich habe heute das Rezensionsexemplar gelesen.)

Der Autor Matthias Armborst lässt sich nicht auf cluetrainesken Überschwang ein, zeigt aber, wie Journalist-Sein und Blogger-Sein mehr miteinander zu tun haben, als viele Journalisten — und sogar viele Blogger — meinen. Zum einen, indem er die Entwicklung und Formen von Weblogs auf fast 50 Seiten nachzeichnet, mit vielen gut ausgewählten Beispielen. Zum anderen, indem er eine Befragung von 148 Bloggern und Blog-Nutzern aus dem deutschsprachigen Raum auswertet.

Wer die deutschsprachigen Blogger für einen Haufen gewissenloser Allespublizierer à la Matt Drudge hält, wird von der Befragung sehr enttäuscht sein. Ohne das J-Wort zu verwende, findet Armborst eine ganze Reihe von journalistischen Motiven und Handlungsweisen unter den Bloggern. Statt der traditionellen Nachrichtenwert-Kriterien ist aber persönliches Interesse die treibende Kraft. Und Bloggerethik? Ungeschriebene Regeln gelten natürlich auch in der Blogosphäre: Drei Viertel der Befragten rechnen beispielsweise damit, dass wiederholte Falschmeldungen eines Bloggers zu Protesten seiner Leser und Glaubwürdigkeitsverlusten führen würden. Ungeprüfte und ungenaue Informationen zu veröffentlichen und den Lesern Präzisierung und Korrektur zu überlassen, lehnen mehr als drei Viertel der befragten Blogger ab.

»Weblogs können den Journalismus anspornen, ergänzen und bereichern«, schreibt Armborst am Ende. »Ersetzen können sie ihn nicht.« Touché. Wer sich als Journalist nicht angespornt oder bereichert fühlt, sondern nur von der eigenen Unersetzlichkeit schwärmt, sollte das Buch erst recht lesen. Von Untergrundblogs aus dem Irak über Watchblogs und Journalisten-Weblogs bis zu Blogosphären-Tools zeigt die Studie das immense journalistische Potenzial des Mediums, ohne Weblogs dabei auf Quasi-Journalismus zu reduzieren.

Eine Warnung: Es ist und bleibt eine wissenschaftliche Studie. Wer allergisch auf Fußnoten reagiert, die mit vgl. ebd. beginnen, ist definitiv besser bedient mit einem der Bücher über Blog-Technik oder dem wirklich schönen Blogs!-Band. Aber neben Jan Schmidt mit Weblogs: Eine kommunikationssoziologische Studie ist Armborst einer der ersten, die sich mit Offenheit, Detailkenntnis und eben wissenschaftlichem Werkzeug der deutschsprachigen Blogosphäre nähern.

Übrigens gibt es schon auf Seite 9 eine kleine Exklusivinformation: In der nächsten Neubearbeitung des dicken Duden-Universalwörterbuchs und des Fremdwörterbuchs sollen Weblog, Blog, Blogger und bloggen ihren Platz finden. Darauf freue ich mich schon jetzt.

Matthias Armborst, Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde? Was Journalisten über Weblogs und ihre Macher wissen sollten, Münster: Lit 2006. (184 Seiten, 14,90 Euro.)

Nachtrag: Eine weitere Rezension von Verena Schmunk beim PR Blogger.

Comments

  1. Macsico sagt:

    Obigen Mist vom unionsbuerger (Bundespresseamt …) habe ich bei mir schon gelöscht. Er/sie/es kam bei mir 10 Minuten später vorbei und hat genau den gleichen Text abgeworfen, der großen Teilen der verlinkten Homepage entspricht. Blödnuss.

  2. Alexander sagt:

    @Macsico: Ehemals Obiges ist nun nicht mehr obig, sondern auch hier gelöscht. So funktioniert Blog-PR schon mal gar nicht.

  1. [...] Eine dankenswerte Replik von Fabian Mohr auf die Grundaussage einer Presseerklärung, die das Netzwerk Recherche zu einer Blog-Studie veröffentlicht hat. Natürlich werden Blogs nicht den Journalismus ersetzen. Hat ja auch niemand gesagt. Update 22.05.2006, 0.00 Uhr: Positive Wortfeld-Rezension der angesprochenen Studie von Matthias Armborst: «Was Blogger können». « zurück zur Startseite von Text & Blog         [...]

  2. [...] …ist erschienen. Zumindest ist es die erste, die mir bekannt geworden ist. Normalerweise ist es mein Job als Journalist, über andere Leute zu schreiben – jetzt geht es mal anders herum. Für mich ist das noch ziemlich ungewohnt, aber schön! Was mich am meisten freut: Dass Alexander Svensson von Wortfeld mir »Offenheit« attestiert. Für eine Publikation über Blogs, die von einem Journalisten geschrieben und von der Journalisten-Vereinigung Netzwerk Recherche herausgegeben wird, ist das ein schönes Kompliment, würde ich sagen. [...]

  3. [...] Update: Ich bin mit meiner Kritik also nicht ganz alleine. Schön! Schönes Gefühl von einem Grimme-Online-Nominierten getrackbackt zu werden [...]

  4. EpiBlog.de sagt:

    Bloga Fett, Internet-Kopfjäger…

    Bloga Fett – Kopfjäger im Internet

    Sie ist eine neverending Story, die Debatte, ob Blogs denn nun eine Gefahr für den traditionellen Journalismus sind oder nicht. Sie wurde schon vor Jahren geführt. Und wird es immer noch. Da sind gewisse Erm……

  5. [...] Was den leidigen Streit Blogger vs. Journalist angeht (- siehe auch Was Blogger können -), lässt sich festhalten: [...]

  6. [...] Das Rezensionsexemplar liegt mir schon seit einigen Wochen vor, aber vor Semesterende bin ich beim besten Willen nicht dazu gekommen, das Buch von Matthias Armborst zu lesen. Vergangene Woche hat es endlich geklappt und ich reihe mich gerne in die Riege der bisherigen Rezensenten: Jan Schmidt, Die neuen Meinungsmachern, Wortfeld, EpiBlog und PR-Blogger. Eine ausführlicher Liste der Rezensionen gibt es – von Matthias selbst gepflegt – hier. [...]

  7. [...] Rezensionen zum Buch auch auf Wortfeld und beim PR-Blogger. [...]

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