Im großen Topf

Wenn Spiegel-Söhne nicht genug lesen.

„Volksreporter – Wie sich das Leben verändern wird, wenn unsere Kinder keine Zeitung mehr lesen“: Ein Text im Print-Spiegel (6/2013), der so angekündigt wird, lässt nicht unbedingt Gutes erwarten. Ralf Hoppe, ein erfahrener Reporter und Redakteur, hat sich angeschaut, wo und wie sich sein Sohn und seine Freunde informieren: „Die Informationen, die sie brauchen, holen sie sich in den sozialen Netzwerken, via Twitter oder auf Facebook (…)“.

Ist das ein typischer Fall? Zur Mediennutzung von Jugendlichen gibt es eine etwas albern benannte Studienreihe namens JIM, eine repräsentative Befragung von Menschen zwischen 12 und 19 Jahren. Dass 91 Prozent der befragten Jugendlichen mehrmals pro Woche ins Netz gehen, davon 68 Prozent sogar täglich, passt ins Bild. Aber immerhin 41 Prozent geben an, mehrmals pro Woche eine Tageszeitung zu nutzen, 26 Prozent sogar täglich. Ebenfalls klar: Für 12- bis 13-Jährige hat die Zeitung keinen so hohen Stellenwert wie für 18- bis 19-Jährige. Das Renommee der Zeitungen ist übrigens auch unter Jugendlichen hoch: Wenn sich Medienberichte widersprechen, vertrauen junge Menschen der Zeitung mehr als Fernsehen, Radio oder Internet; dieser Vertrauensvorsprung ist unter Gymnasiasten noch viel stärker ausgeprägt. (Hier sind die Daten zum Nachlesen.)

Wie sieht der Trend aus?

Jugendliche lesen in der Tat allmählich seltener Zeitung, nutzen viel häufiger das Internet, dabei aber auch nur selten die Onlineangebote der Tageszeitungen.

Dass 41 Prozent der Jugendlichen öfters Zeitung lesen, hängt natürlich stark von den Eltern ab: 2012 hatten 59 Prozent der Haushalte mit Jugendlichen eine Zeitung abonniert.

Um die Jahrtausendwende hat sich aber noch etwas getan: 1998 sagte noch jede/r dritte Jugendliche, dass er oder sie zur Zeitung greift, um schnell Informationen zu suchen. 2002 war es nicht einmal jede/r zehnte Jugendliche. Umgekehrt stieg der Anteil derjenigen, die zum Computer greifen, von 19 Prozent auf 73 Prozent — in nur vier Jahren. Vermutlich steckt dahinter eine Vielzahl von Gründen: Die Zahl der Computer im Haushalt, die Zahl der eigenen Computer unter Jugendlichen, die Internet-Geschwindigkeit, womöglich auch die Verfügbarkeit von Google. Im Internet nach Informationen zu suchen, war für junge Menschen plötzlich einfacher.

Aber zurück zum Spiegel-Redakteur Ralf Hoppe und seinen Beobachtungen: „Nachrichten im sozialen Netz haben keinen Anfang, keinen Ursprung. Sie sind einfach plötzlich da. Erklärungslos, dafür meinungslastig, emotional.“ Da stellt sich die Gegenfrage: Was ist denn bei einer Nachricht in einer Zeitung der Ursprung? Die Zeitung? Dann kann ich es mir im Netz auch einfach machen und den Ort nehmen, an dem ich die Meldung zuerst gelesen haben — Quelle: Twitter. Aber eine Zeitungsmeldung kann natürlich ebenso auf einer Agenturmeldung beruhen, die auf einem Zeitungsbericht über eine Fernsehansprache beruht.

Dass die sozialen Netzwerke in sich geschlossen seien und nicht in die Onlinemedien-Welt zurück verlinkten, ist natürlich Unsinn: Vor allem Facebook ist für Onlinemedien eine wichtige Quelle von Besuchern. Wenn Ralf Hoppes Sohn über Facebook und Twitter auf etwas stößt, was ihn interessiert, und weiterklickt, dann landet er aber in der Tat am Ende bei einem Onlinemedium — das ist das Wesen der Internets. Die Zeitung wird erst dann Teil dieser Welt, wenn sie im Netz ist.

Meinungslastig und emotional: Da ist was dran. Reine Nachrichtenmeldungen schaffen es nur in Ausnahmefällen zu weitester Verbreitung, flammende Plädoyers und geschliffene Repliken haben viel bessere Chancen. Da machen soziale Netzwerke allerdings vermutlich etwas transparent, was auch schon in der Print-Welt galt, aber nicht sichtbar wurde. Für jemanden, der wie Hoppe Reportagen schreibt, muss das übrigens keine schlechte Nachricht sein.

Leider führt die Beobachtung den Spiegel-Autoren aber dann doch zur Generalabrechnung mit „dem Internet“: Soziale Netzwerke und Blogs und „das Medium“ werden in einen großen Topf geworfen. Dass Islands Blogger auf dem Höhepunkt der Finanzkrise womöglich auch nicht besser informiert waren als Zeitungen, Radio und Fernsehen, ist für ihn der Beleg, dass es bergab geht. Ja, natürlich sind Facebook und Twitter auch Gerüchte-Verstärker. Wer alles glaubt, was in der Bild-Zeitung steht, ist auch im Internet auf verlorenem Posten. Aber dafür wird sein Sohn, wenn er es richtig anstellt, mitunter nicht nur schneller, sondern auch vielseitiger darüber informiert sein, was ihn interessiert. (In einer Woche wird der Spiegel-Text ja online veröffentlicht, dann sieht ihn auch sein Sohn.)

Nachtrag: Dirk von Gehlen schreibt über die journalistische Familie: „Wer den Datenstrom der sozialen Netze mit einer italienischen Piazza vergleicht, sollte schon anerkennen, dass dort sehr wohl auch professionelle Journalisten herumspazieren und den Dialog mit ihren Nutzern suchen.“

Nachtrag: Ein Blick auf den Blogger, das Gold und die Startbahn.

Zeitungslage

Karte der Tageszeitungen großer US-Städte.

Eine kleine Reise durch die amerikanische Presselandschaft in bedrohlichen Zeiten: In welchen der großen Städte gibt es noch Tageszeitungsrivalen und wo mussten Blätter bereits Gläubigerschutz beantragen?


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Ab ins Web

Seattle verliert eine Tageszeitung.

Kurz nach Denver gehört nun auch Seattle zu den amerikanischen Städten mit nur noch einer bedeutenden Tageszeitung: Am Dienstag erscheint der Seattle Post-Intelligencer zum letzten Mal. Auch dort gab es eine Kooperationsvereinbarung mit dem örtlichen Konkurrenten, der Seattle Times. Auch dort wurde vergeblich nach einem Käufer für das Blatt gesucht. Der 146 Jahre alte P-I ist die älteste Zeitung des Bundesstaats Washington. Überleben soll nur das derzeit gruselig ausschauende Onlineangebot: Von der 150-köpfigen Zeitungsredaktion bleiben 20 Allrounder für seattlepi.com. Der P-I-Eigentümer ist die Hearst Corporation, der ein weiteres gefährdetes Blatt gehört: der San Francisco Chronicle, die einzige ernstzunehmende Tageszeitung der Stadt.

In der P-I-Redaktion kursierte eine Zitatensammlung, in der sich Fatalismus und schwarzer Humor mischen. Ein Zitat, das von Charles Bukowski stammen soll: „Before you kill something make sure you have something better to replace it with.“ Dass dies so nicht passieren wird, ist im gerade erwähnten Clay-Shirky-Essay zu lesen.

Am Wochenende geht das amerikanische Zeitungssterben übrigens weiter, diesmal in Arizona: Der kleine Tucson Citizen erscheint am 21. März letztmalig, dort überlebt der weitaus größere Arizona Daily Star.

Das Undenkbare

Clay Shirky über die Zukunft der Zeitungen.

„In Revolutionen kehrt sich die Wahrnehmung auf merkwürdige Weise um. Im Normalfall sieht man diejenigen, die lediglich die Welt um sie herum schildern, als Pragmatiker, während diejenigen mit märchenhaften Vorstellungen einer alternativen Zukunft als Radikale gelten. Die letzten Jahrzehnte waren allerdings nicht der Normalfall. Bei den Zeitungen waren es die Pragmatiker, die einfach aus dem Fenster schauten und bemerkten, dass die reale Welt zunehmend dem undenkbaren Szenario glich. Behandelt wurden diese Leute wie Irre. Wer dagegen Traumbilder vom Erfolg abgeschotteter Systeme (Walled Gardens) und begeisterter Micropayment-Nutzung malte, für die es keine reale Basis gab, wurde nicht als Scharlatan betrachtet, sondern als Retter.“

Clay Shirkys Essay über die Zukunft der Zeitungen hilft keinem Printmedienmenschen aus der Krise, der sich selbst als einen Printmedienmenschen sieht. Shirky ist nicht einmal besonders optimistisch, dass es für die gedruckte Zeitung bald ein funktionales Äquivalent geben wird, einen tröstenden Ersatz. So sei das eben in echten Revolutionen, schreibt er trocken: „Das alte Zeugs geht schneller kaputt als das neue Zeugs an die Stelle tritt.“ Unbedingt lesenswert.

Die Krise

Ein paar Reaktionen: Jeff Jarvis warnt, dass die Zeitungen nicht die letzte Branche sein werden, die es trifft. Cory Doctorow sieht Parallelen zu denen, die ihr Produkt mit  Rechtebeschränkungen und Anwälten schützen wollen. Tim O’Reilly meint, dass die — bislang — von Zeitungen erfüllten wichtigen Bedürfnisse nicht verschwinden und setzt auf neue Institutionen. Wer trotz Shirky noch an Micropayment glaubt, findet mehr dazu, auch von Shirky, im Freakonomics-Blog.

Eine geht, eine bleibt

Das Ende der Rocky Mountain News.

„Ein eindrucksvolles und sehr trauriges Video“, schreibt Jens Schröder auf Retromedia über den Film der US-Zeitung Rocky Mountain News über ihr eigenes Ende: Am Freitag erschien das Blatt zum letzten Mal, nach 149,9 Jahren. Dass die Zeitung 30 Tage zum Verkauf stand und das Ende damit einen Monat lang weitgehend absehbar war, war natürlich für die Mitarbeiter hart. Allerdings gab sie dem Blatt auch die Zeit, formvollendet abzutreten: Sowohl die letzte gedruckte Ausgabe als auch die Webseite beeindrucken.

Titelseite der letzten Rocky Mountain News

Die Rocky Mountain News wird vom langjährigen Rivalen überlebt, der Denver Post, die werktäglich gerade einmal 304 Exemplare mehr verkaufte. Beide wurden im selben Haus publiziert: Die News residierte im fünften Stock, die Post im sechsten; Anzeigen- und Vertriebsabteilung teilten sie sich. Jetzt, wo es die Rocky Mountain News nicht mehr gibt, landen alle Einnahmen bei der Post. Grundlage dafür ist ein Gesetz von 1970, das Kooperationen zwischen Zeitungen einer Stadt wettbewerbsrechtlich erlaubt. Ob das wirklich geholfen hat, ist umstritten.

So viele amerikanische Städte sind es nicht mehr, in denen es noch zwei oder mehr bedeutende Zeitungen gibt: Boston, Chicago, Detroit, Minneapolis/St. Paul, New York, Philadelphia, Salt Lake City, Seattle, Tucson, Washington. Auf der Website des Seattle Post-Intelligencer ist zu lesen, dass die eigene Zeitung im März die nächste sein könnte, die verschwindet. In San Francisco steht der Chronicle auf der Kippe, dort bliebe dann nur das traurige Gratisblatt Examiner. Detroit News und Detroit Free Press sollen demnächst nur noch drei Mal in der Woche nach Hause geliefert werden. Philadelphia Inquirer und Philadelphia Daily News haben vor einer Woche Gläubigerschutz beantragt.

Video: Final Edition von Matthew Roberts