Analog ist besser

Offenbar Aus für digitalen Wahlstift.

Mit einem digitalen Wahlstift – einem kamerabewehrten Kugelschreiber – wollten die Hamburger ihre erste Wahl nach neuem Recht schnell und günstig auszählen. Doch der CCC zeigte erst, dass ein manipulierter Stift Schadsoftware übertragen kann, und danach, dass das besondere Stimmzettelpapier ebenfalls manipuliert werden könnte. Die Stimmung ist gekippt, jetzt offenbar auch in der Bürgerschaft: Das endgültige Wahlergebnis soll nach Ansicht von SPD und Grünen auf der Handauszählung der Stimmen beruhen, wie NDR 90,3 heute berichtet. Die CDU hatte im Vorfeld versprochen, das Projekt nicht gegen die anderen Fraktionen durchzuboxen.

Damit kommen die Stifte zwar zum Einsatz, aber wohl nur als unverbindliche Auszählhilfen. Und das eigentliche Zählen dürfte etwas länger dauern — bei der ersten deutschen Landtagswahl, bei der die Wähler ihre Stimmen auf Wahlkreis-Kandidaten und Parteien verteilen und häufeln dürfen.

Nachtrag: Die Stifte kommen nicht einmal als Hilfsmittel zum Einsatz.

Geotouristen

Hamburger Geologietouren.

Geo-Touren-Karte Geologie in der Großstadt? Doch und gerade. Es gibt Moore und Bracks, Findlinge, Spuren von eiszeitlichen Seen, ehemalige Erdölfördergebiete und natürlich Unmengen unterschiedlicher Bausteine in Hamburg. Ich hatte keine Ahnung, dass ich in der Nähe des letzten erhaltenen Cholerabrunnens der Stadt wohne, und freue mich sehr über „Geo-Touren in Hamburg“, eine große Karte samt 150-seitigem Heft für 9,90 Euro. In allgemeinverständlicher bis humorvoller Sprache übrigens: „Wenn Sie vor der Staatsoper ein Loch graben, werden Sie auf diese kreidereiche Moräne treffen.“

Die Autoren vom Geologischen Landesamt Hamburg haben aber lobenswerterweise auch ans Netz gedacht: Auf der Website zu den Geo-Touren gibt es nicht nur die GPS-Koordinaten aller Objekte zum Download, sondern auch illustrierte Koordinaten als KML-Datei für Google Earth.

Poster des Jahres

Der Taxi-Haltestellenplan für Hamburg.

Der Schnellbahn-Streckennetzplan des Hamburger Verkehrsverbunds ist in dieser Stadt ein bekannter Anblick:

Hamburger Schnellbahnplan

Heute habe ich erstmals dieses Poster gesehen:

Taxi-Schnellbahnplan

Was aussieht wie das Werk eines wahnsinnig gewordenen Verkehrsverbund-Grafikers, ist bei genauerem Hinsehen das fiktive „Streckennetz Öffentlicher Individualverkehr“ mit Hunderten von Straßennamen — und damit Werbung für die genossenschaftliche Taxizentrale Das Taxi.

Taxi-Schnellbahnplan (Detail)

Ganz großartig! Erinnert an die vielen Adaptionen des Meisterwerks, Harry Becks Londoner U-Bahn-Plan: Simon Pattersons The Great Bear (mit Humphrey Bogart statt Mornington Crescent und Pythagoras statt Paddington), die Musikgenre-Karte des Guardian (mit Blondie statt St. James’s Park) oder die Anagramm-Karte.

Nachtrag: Die Agentur, die dahintersteckt, ist Nordpol+.

Zappeln

Merkwürdige Hamburger Zeitungs-Websites.

Auf der Startseite der Hamburger Morgenpost: „Voscherau lässt seine Parteigenossen zappeln“.
Auf der Startseite des Hamburger Abendblatts: „Warten auf Voscherau – Hamburger SPD hofft auf neuen Kandidaten“.

Und das um 22 Uhr, etwa zweieinhalb Stunden nach Voscheraus Absage. Wach sind nur die überregionalen Nachrichtenportale wie tagesschau.de (mit Link auf NDR Online), Spiegel Online, Welt Online, Zeit Online (dank des Tagesspiegels), sueddeutsche.de, selbst der Bild-Ticker. Es passieren dramatische Dinge in Hamburg, und die Tageszeitungen der Stadt arbeiten anscheinend nur noch für die Druckausgabe. Merkwürdig.

(Transparenz-Hinweis: Der NDR ist mein Arbeitgeber, dies ist mein privates Blog.)

Hafencitizens

Die Hamburger und ihre Baustelle.

Viele, viele Dutzend stapfen bei schönem Sonntagswetter durch den nachgebenden Sand, durch matschige Reifenfurchen, sie promenieren vorsichtig auf ungesicherten Kaikanten, an Absperrgittern und Flatterband und aus dem Boden ragenden Metallspießen vorbei. Stellen sich vor den Baustellenschildern auf, etwa das, auf dem ein Löffel auf Philippe Starcks Nase klebt. Marschieren vorbei am fertigen Sandtorkai, am halbfertigen Dalmannkai, mit Kameras behängt, und erzählen einander vom Hochwasserschutz. Cruisen mit ihren Smarts und Minis an den Baukränen vorbei, lugen in die Fenster der unbewohnten Häuser und ignorieren höflich die wenigen Bewohner. Die Hamburger, scheint mir, freunden sich mit ihrem neuen Stadtteil ziemlich schnell an.

Webcams: Panorama (Hafencity.de), Dalmann Carrée (Wayss & Freytag), Harbour-Hall.de