Geotouristen

Hamburger Geologietouren.

Geo-Touren-Karte Geologie in der Großstadt? Doch und gerade. Es gibt Moore und Bracks, Findlinge, Spuren von eiszeitlichen Seen, ehemalige Erdölfördergebiete und natürlich Unmengen unterschiedlicher Bausteine in Hamburg. Ich hatte keine Ahnung, dass ich in der Nähe des letzten erhaltenen Cholerabrunnens der Stadt wohne, und freue mich sehr über „Geo-Touren in Hamburg“, eine große Karte samt 150-seitigem Heft für 9,90 Euro. In allgemeinverständlicher bis humorvoller Sprache übrigens: „Wenn Sie vor der Staatsoper ein Loch graben, werden Sie auf diese kreidereiche Moräne treffen.“

Die Autoren vom Geologischen Landesamt Hamburg haben aber lobenswerterweise auch ans Netz gedacht: Auf der Website zu den Geo-Touren gibt es nicht nur die GPS-Koordinaten aller Objekte zum Download, sondern auch illustrierte Koordinaten als KML-Datei für Google Earth.

Krimifirmen

Von Toxex bis Global Plasma.

„Unternehmen in deutschen Kriminalserien unter besonderer Berücksichtigung der Firmennamen“ wäre bestimmt ein lohnendes Diplomthema. Tschechows Satz über die Flinte an der Wand, die abgefeuert werden muss, gilt hier in abgewandelter Form: Sobald ein Hauptkommissar Kress, ein Zollamtmann Zaluskowsi oder ein Kriminaloberinspektor Derrick eine Firma namentlich erwähnt, ist sie auch schon gleich tief in einen Mord verwickelt.

Und jeder einigermaßen Krimi-erfahrene Zuschauer hört es am Namen. MARAM AG: börsennotierte Betrüger. Toxex: entsorgt Giftfässer falsch. Global Plasma: vertreibt verseuchte Blutkonserven. Zeit-Work: nutzt Leiharbeiter aus. Bei jedem Messingschild einer Im- und Exportfirma mit Kunstnamen klingeln Zuschauers Alarmglocken. „Was wissen wir über den Laden?“, leitet der Chef dann die Spurensuche ein, und die Zuträger finden die Verbindungen: „Jetzt rate mal, wem die Firma gehört, Stephan!“ Ganz schmutzig wird es, wenn riesige Organigramme auf Flip-Charts gemalt werden.

Pointe nebenbei: Mehrere Firmen auf den Cayman-Inseln und auf der Kanalinsel Guernsey besitzen die Luxemburger Lavena 1 S.A.R.L., die wiederum ist 100-prozentige Besitzerin der Lavena 2 S.A.R.L., die wiederum besitzt die Lavena 1 Holding GmbH. Diese besitzt die Lavena 2 Holding GmbH, welche die Lavena 3 Holding GmbH besitzt, die wiederum Eigentümerin der Lavena 4 Holding GmbH ist. Und über zwei weitere Zwischenstufen gehört ihr dann drei Viertel von ProSiebenSat.1.

Schwarzweißmalerei

Blair über die Entwicklung der Medien.

Tony Blair in Schwarzweiß Auf seiner langen, langen Abschiedstournee hat Tony Blair eine Rede über die Medien gehalten. Er erwähnt etwa die Bemühungen der Politiker, den Nachrichtentag mit eigenen Themen zu dominieren. Das sei schwieriger geworden:

When I fought the 1997 election – just ten years ago – we took an issue a say. In 2005, we had to have one for the morning, another for the afternoon and by the evening the agenda had already moved on.

Er kritisiert Dramatisierungen:

Life’s usual grey is almost entirely absent. „Some good, some bad“; „some things going right, some going wrong“: these are concepts alien to today’s reporting. It’s a triumph or a disaster. A problem is „a crisis“. A setback is a policy „in tatters“. A criticism, „a savage attack“.

Und die „neuen Medien“ kommen bei ihm nicht eben gut weg:

It used to be thought – and I include myself in this – that help was on the horizon. New forms of communication would provide new outlets to by-pass the increasingly shrill tenor of the traditional media. In fact, the new forms can be even more pernicious, less balanced, more intent on the latest conspiracy theory multiplied by five.

Der Independent, die einzige von Blair direkt kritisierte Zeitung, stellt den Angriff natürlich als Auszeichnung dar. Guardian-Kommentator Martin Kettle sieht in der Rede einen Weckruf, der vermutlich ungehört verhallen wird. Aber die interessanteste Reaktion kommt von Emily Bell, der Onlinechefin des Guardian. Sie nennt in ihrem Kommentar unter anderem ein paar ganz praktische Gründe, warum das Parlament ins mediale Abseits geraten ist — und die ziemlich genau auch auf den Bundestag zutreffen. Und Bell sieht gerade im Netz, wo Berichterstattung und Analyse eher eine Konversation als ein abgeschlossener Vorgang sind, mehr Ausgewogenheit als in den „linearen Medien“:

The people who are, in my limited experience, most hostile to the idea of the democratising effect of the web are journalists and politicians, both sets much keener on central contol and power than they would care to admit.

(Obige Zeichnung nach (CC)-lizensiertem Foto von Jens-Olaf.)

Gespeichert

Schwerpunkt Überwachung bei jetzt.de.

Anrufe wie dieser sollen zukünftig gespeichert werden. Man kann dann herausfinden, dass ich dich von München aus in Bremen angerufen habe, dass wir zwanzig Minuten telefoniert haben. Hätte ich dich mobil angerufen, würde auch gespeichert, wo du gerade bist.

Ein ganz vorzüglicher Anfang für ein Interview mit Ralf Bendrath über Vorratsdatenspeicherung im jetzt.de-Schwerpunkt Überwachung.

Dazu passend ein Teil von Heribert Prantls Kommentar Der artgerechte Staat:

Der Staat dreht hier die Beweislast um: Für ihn gilt der Eingriff ins Grundrecht als Normalität, und der Bürger, der sich dagegen verwahrt, als missliebig und verdächtig.

Fünfzigtausend

Alte Guardian-Titelseiten zum Jubiläum.

Der Guardian feiert seine 50.000 Ausgabe mit einem Artikel und vor allem einer Galerie von 50 Titelseiten seit 1821 — und die zeigt, wie sehr sich die Zeitungen äußerlich verändert haben.

„Atomic bombs used on Japan“ steht 1945 in Versalien über einem langen Zweispalter, auf einer Seite voller Text, ohne ein einziges Bild. Während der Suezkrise 1956 finden sich auf der Titelseite so hölzerne Überschriften wie „Mr. S. Lloyd to attend N.A.T.O. Council“ und „Mr. Gaitskell puts Labour’s view“. Erst beim Kennedy-Attentat 1963 sieht die Seite eins so aus, wie man es erwartet: die unterstrichene Schlagzeile größer als der Zeitungskopf. Ähnlich eindrucksvoll ist der Vergleich zwischen der Ausgabe vom 13. Juni 1964 – Nelson Mandela wird zu lebenslanger Haft verurteilt – und der vom 12. Februar 1990 – Nelson Mandela ist frei.