Spielerei

Noch einmal zum G8-Gipfel.

Ist die Polizeistrategie beim G8-Gipfel nun aufgegangen oder nicht? Ich habe gestern mit einer Kollegin darüber diskutiert, die der Ansicht war, die Polizei habe letztlich verloren, weil die Demonstranten den Zaun erreicht haben. Schwer zu ahnen, ob die mecklenburg-vorpommersche Polizei viel mit Spieltheorie arbeitet, aber ein bisschen erinnert es mich daran:

Spiel-Schema von Heiligendamm

So sah, ein wenig vereinfacht, die Lage ursprünglich aus: Es gibt Demonstranten, die von A nach B, zum Ziel, zum Tagungshotel an der Ostsee wollen. Die Polizei stellt sich ihnen in den Weg. Ein Nullsummenspiel: Jeder Geländegewinn für eine Seite ist ein Geländeverlust für die andere. Entweder hält die Verteidigung oder nicht — es gibt einen klaren Sieger.

Spiel-Schema von Heiligendamm mit Zaun

Der Zaun und die Sperrzonen setzen dem Nullsummenspiel ein Ende. Jetzt gibt es mehrere Spielzonen: Vor dem erweiterten Sperrbereich (A), der erweiterte Sperrbereich mit Versammlungsverbot (B), der Bannmeilenbereich um den Zaun (C), das Areal hinter dem Zaun (D) und schließlich das Hotelgelände (E). Die Polizei hat den Zaun als Zwischenziel für die Demonstranten aufgestellt, und jeder kann jetzt selbst definieren, wie wichtig ihm das Erreichen welcher Spielzone ist. Für die Demonstranten war es ein Triumph, Zone C zu erreichen, manchmal wurden sie aber bis an die Grenze der Zone B zurückgedrängt. Die Polizei kann behaupten, Zone D und E erfolgreich verteidigt zu haben. Wer hat bei diesem Spiel gewonnen? Beide Seiten, irgendwie.

(Spieltheorie ist aus meiner Sicht fast immer eine Verzerrung, die so grob ist, dass sie die Realität höchstens streift. Natürlich müsste das Spiel um Heiligendamm eigentlich noch viel, viel mehr Dimensionen haben — die wichtigste davon wäre vermutlich die Wahrnehmung und Wirkung in den Medien.)

Viel zitiert

Christian Pfeiffer und die Medien.

Was schön gewesen wäre:

– Herr Pfeiffer, in Sittensen sind mehrere Menschen in einem China-Restaurant umgebracht worden. Was mag da der Grund sein?
– An Spekulationen will ich mich nicht beteiligen. Da müssen wir einfach mal abwarten.

Stattdessen:

„Sollten die Morde tatsächlich in Zusammenhang mit chinesischen Triaden stehen, wäre es nach Angaben des Kriminologen Christian Pfeiffer der spektakulärste Fall dieser Art in Deutschland. Schutzgelderpressung in China-Restaurants sei in Deutschland sehr verbreitet.“ (Quelle)

Und am Ende:

„Einer der beiden kurz nach der Tat festgenommenen Vietnamesen hat nach Angaben der Anklagebehörde inzwischen eine Beteiligung an den Morden gestanden. (…) Einen vermuteten Zusammenhang zur organisierten Kriminalität schließt die Anklagebehörde inzwischen aus.“ (Quelle)

Was auch schön gewesen wäre:

– Herr Pfeiffer, in Tessin haben zwei 17-Jährige ein Ehepaar umgebracht. Was mag da der Grund sein?
– Woher soll ich das wissen? Die Ermittlungen laufen doch noch, da müssen Sie am besten mal die Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern fragen.

Stattdessen:

„Auslöser für die Bluttat von Tessin mit zwei Toten war nach Erkenntnis des Kriminologen Christian Pfeiffer möglicherweise ein Konflikt der Täter mit dem Sohn des getöteten Ehepaars. (…) Es sei nicht auszuschließen, dass das intensive Spielen gewalttätiger Computerspiele die Bluttat begünstigt habe.“ (Quelle)

Und am Ende:

„Vermutungen, dass Gewaltvideos und -videospiele Auslöser für die Tat waren, hätten sich nicht bestätigt, sagte Oberstaatsanwalt Hans-Christian Pick.“ (Quelle)

Was jetzt schön wäre: Nächstes Mal nicht gleich die Nerven zu verlieren und Christian Pfeiffer zu fragen.

Alan Johnston

100 Tage entführt.

Alan Johnston banner Heute vor 100 Tagen ist der BBC-Journalist Alan Johnston im Gazastreifen entführt worden: Am 12. März, einem Montag, auf dem Weg vom Büro nach Hause, wenige Woche vor dem Ende seiner dreijährigen Zeit in der Stadt Gaza, als einziger Korrespondent aus dem Westen. – Nachtrag: Bilder von Mahnwachen an zahlreichen Orten.

Uff!

Der Grimme-Ingrimm.

Um es vorsichtig auszudrücken: In diesem Jahr in der Nominierungskommission des Grimme Online Award zu sitzen, erfordert etwas mehr Leidensfähigkeit, als ich vorher vermutet hatte.

Das merkwürdige Gefühl, von manchen als Teil einer Verschwörung* angesehen zu werden — denn Peer Schader kennt den Unterschied zwischen scheinbar und anscheinend ja mit Sicherheit –, das Gefühl kenne ich ganz gut aus den Zeiten, als ich noch in Sachen Nutzerbeteiligung bei der Netzverwaltung ICANN aktiv war. Aber auch da galt schon: Menschliche Fehler kommen signifikant häufiger vor als Verschwörungen. Eigentlich andauernd.

Was sehr schade wäre: Wenn sich das Missverständnis durchsetzte, die Nominierten und Prämierten hätten ihre Nominierungen und Prämierungen irgendwie zugeschanzt bekommen, seien also gar nicht preiswürdig. Das ist wirklich Unfug. Es wurden tatsächlich Hunderte und Hunderte von Webseiten begutachtet und bewertet. Es wurde tatsächlich diskutiert, ausgesiebt, leidenschaftlich plädiert und leidenschaftlich verworfen. Also: Herzlichen Glückwunsch an die Gewinner und die Nominiertenschar. Die haben es verdient.

(Bei der Gelegenheit: Ja, es sieht so aus, als wenn mein Name in einem der prämierten Angebote als Autor auftaucht. Auch das ist keine Verschwörung. In der Nominierungskommission habe ich mich selbstverständlich nicht an der Diskussion beteiligt und bei der Abstimmung enthalten, als es um blog.tagesschau.de und Angebote meines Arbeitgebers NDR ging. Die Nominierungskommission hat blog.tagesschau.de auch gar nicht nominiert. Die Jury hat das Angebot später nachnominiert. Und noch später, nach dieser Nachnominierung, hat es sich ergeben, dass ich dort ein paar Einträge geschrieben habe.)