Gegebene Anlässe

Medienbesuche in Tschernobyl.

Tschernobyl-Silhouette Mit einer Diesellokomotive (Konrad Schuller), einem klapprigen Skoda-Kombi (Charles Hawley), dem Zug (Boris Reitschuster) und einem weißen Kleinbus (Gerhard Waldherr) sind sie angereist, um „einen dunklen, klobigen Kasten“ (Waldherr), einen „fensterlosen Koloss“ (Schuller) in Augenschein zu nehmen. Und die Dosimeter piepsen (Waldherr), piepen (Ranga Yogeshwar) und blinken (Reitschuster).

(Alternativen: Mit dem Motorrad fahren — oder am 20. Tschernobyl-Jahrestag daheim bleiben.)

Blogs bereichern die BBC

Tagebücher, Teamblogs, Blogprojekte.

Hellgraue Schrägstreifen auf dunkelgrauem Grund Schrägstreifen, natürlich: Auch die BBC verschließt sich nicht diesem simplem grafischen Mittel, der Welt zu sagen, dass sie Web-2.0-mäßig auf der Höhe der Zeit ist. Das BBC Blog Network bündelt die diversen Weblogs der Rundfunkanstalt unter einem Dach. Die Zahl ist noch nicht übermäßig groß, aber dafür die Bandbreite.

Die BBC-Disability-Lifestyle-Site Ouch bloggt, Radio-1-DJ Annie Mac bloggt, und der Politikchef bloggt schon lange. Mal sind es Teamblogs, mal ganze Blog-Projekte: afrikanische Tagebücher oder Wortmeldungen von schottischen Inseln etwa. Und im Newsnight-Blog schreibt Paul Mason live und ohne vorher zu fragen mit, was auf einer internen Präsentation zur kreativen Zukunft der BBC passiert. Mehr davon!

Bleak House 2005

Eine exzellente Dickens-Verfilmung.

Vom ersten Satz an, wo Nebel und Dämmerung und die übliche unmenschliche Staats=Justiz=Maschinerie mit einander identifiziert werden, steht kein Wort, keine Episode mehr umsonst : nie sind Zufall — oder, wenn Sie so wollen, Notwendigkeit ! — als so eisernes Netz über Menschen und Dinge gespannt worden. Scheinbar belanglose — nicht „Taten“, sondern Handgriffe ! — führen maschinenhaft, 500 Seiten später Verbrechen & Tod herbei, Glück oder Unglück Unbekannter, Nie=Gesehener, Nie=Bedachter. Um die 57 Hauptpersonen kreist unermüdlich der Planetoidenring der Nebengestalten, immer zunehmend an Zahl und Bedeutsamkeit.
[aus Arno Schmidts Funk-Essay über Charles Dickens — „Tom all alone’s / Bericht vom Nicht-Mörder“]

Ein 700-seitiger Dickens-Roman zerschreddert zu einer Soap mit 30-minütigen Folgen? Das geht, oh ja, sogar sehr gut. Schließlich hat ihn Charles Dickens in 19 Fortsetzungsheftchen herausgebracht und seine Leserschaft mit Cliffhangers zum Weiterlesen genötigt. Zwei Sätze zur Einführung: „Bleak House“ ist die Geschichte des ewig währenden Erbschaftsstreits Jarndyce v Jarndyce, der die Juristen gut ernährt und den potenziellen Erben nur Unheil bringt. Während der Prozess im Hintergrund auf der Stelle tritt, kommen einige der Beteiligten Geheimnissen auf die Spur, in die sie alle verwoben sind: die junge Waise Esther, der Gerichtsschreiber mit Pseudonym Nemo, Lady Dedlock, der düstere Anwalt von Sir Leicester Dedlock, der Straßenfeger Jo und viele andere.

Die Neuverfilmung von 2005 (BBC/WBGH) richtet sich mit ihrem bisweilen halsbrecherischen Tempo auch an die Zuschauer, für die ein Gerichtsprozess aus dem 19. Jahrhundert sonst eine schriftliche Einladung zum Wegzappen ist. Recht so — weg mit minutenlangen Kutschfahrten durch düstere Landschaften und Selbstgesprächen aus dem Off. Ja, die Kostüme und Kulissen waren bestimmt aufwändig und teuer, aber das Auge der Kamera gehört auf die Menschen gerichtet in diesem Drama um Liebe, Mord und viel Geld, um den Ruf einer Adelsfamilie, die Suche nach den eigenen Wurzeln und die krassen sozialen Missstände im England des 19. Jahrhunderts. Dank der exzellent umgesetzten Romanvorlage und Schauspielern in Hochform wird daraus eben keine Soap zum Mitschämen, sondern ein strahlender Beleg dafür, wie gut Fernsehen sein kann. Belohnt wurde dies erfreulicherweise nicht nur mit Lob der britischen Fernsehkritik, sondern auch mit vielen und begeisterten Zuschauern.

(Wer nicht warten mag, bekommt natürlich übers Netz auch in Deutschland die DVD mit einer einstündigen und 14 halbstündigen Folgen.)

Nachtrag: Giesbert Damaschke ist ebenfalls begeistert.

Titelbewölkung

Unterschiedliche Akzente bei Spiegel und Focus.

Fiktive Focus- und Spiegel-Titel
Fiktive Titelbilder zweier montäglicher Nachrichtenmagazine, wie ich sie bei der aktuellen Themenlage erwartet hätte. (Zum Vergleich: Die Realität der Woche sieht anders aus.)

Austrocknende Kanäle?

Wie die BBC die Zukunft des Fernsehens sieht.

Alle zehn Jahre steht bei den Briten eine königliche Satzung auf dem Prüfstand, die Ziele und Strukturen der BBC festlegt. Weil diese BBC-Charta Ende des Jahres ausläuft, macht sich BBC-Medienjournalist Torin Douglas Gedanken darüber, wie Rundfunk — insbesondere Fernsehen — am Ende der nächsten Charta-Laufzeit im Jahr 2016 aussehen könnte.

For older viewers, TV channels are still likely to play an important part in their viewing selection. Many people want an editor to help make their choices for them – and there will still be a need for experienced broadcasters to commission top-flight programming. (…) But the young are growing up in an entirely different world, expecting to find content which seeks them out on their mobile phone or computer. They’ll be creating their own programmes, videoing their friends on mobile phones and webcams, and swapping programmes among themselves.

Die britische Regierung hat ihre Pläne für die neue Charta übrigens vor kurzem vorgelegt. Die BBC soll demnach weiter durch Rundfunkgebühren finanziert werden, allerdings sollen Aufsicht und Management schärfer voneinander getrennt werden.