Inhalte vom Himmel

Wortfetzen vom Mainzer Mediendisput.

Die Zitate aus einer ausführlichen Rede, die es in eine Agenturmeldung schaffen, sind oftmals nicht unbedingt die repräsentativsten, sondern die knackigsten. Diesen Funken Hoffnung bewahre ich mir, wenn ich lese, was der Hamburger Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg auf dem 11. Mainzer Mediendisput gesagt haben soll. (Der Mediendisput wird von der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz, der dortigen Landesmedienanstalt und der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltet. Medienpartner sind SWR und ZDF, es mischen aber auch einige führende Leute vom Netzwerk Recherche mit.)

Laut dpa sagte Weischenberg, dass viele neue Medienangebote im Netz zu Unrecht als Gratisleistungen gälten. „Man tut, als wenn die Inhalte vom Himmel fallen würden.“ Tatsächlich, so Weischenberg, sei ein großer Teil des Webangebots nichts anderes als ein „Recycling auf der Basis von geistigem Diebstahl“. In dem Stil geht es weiter — von der potenziellen Übernahme der Wikipedia durch Google (?!) bis zum misslungenen Vergleich des Web 2.0 mit einem „interaktiven U-Boot“ (?!). Ich befürchte, dass er dafür viel Applaus bekommen hat.

Viel erfrischender ist das, was der designierte ARD-Vorsitzende Fritz Raff erzählt hat. Die ARD habe vielleicht „durch Behäbigkeit und Verkrustung“ jüngere, kreative Mitarbeiter abgeschreckt. Die Digitalisierung biete auch die Chance, wieder „Leute ausprobieren und machen zu lassen“. Und dann die kleine Drohung, dass die ARD auf der Höhe der Zeit bleiben müsse. Andernfalls werde „das öffentlich-rechtliche System in zehn Jahren marginalisiert“.

Disclaimer: Mein Arbeitgeber ist eine ARD-Anstalt, mithin ist meine Arroganz genetisch verankert.

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  • Ich habe zufällig beide gehört. Weischenberg wird Unrecht getan. Raff kommt zu gut weg. Weischenberg hat schon noch ein bisschen mehr gesagt, als es hier bzw. bei dpa verkürzt (und wie ich finde durchaus sinnentstellend wiedergegeben wird). Er hat seinen Respekt vor einigen Blogangeboten geäußert und gesagt, dass da mitunter gute journalistische Arbeit abgeliefert wird, gerade auf dem Feld der Medienkritik (!), und das meist unabhängiger als auf den etablierten Medienseiten und in den etablierten Mediensendungen der herkömmlichen Medien; weil unbelasteter und nicht in Strukturen des gegenseitigen Gebens und Nehmens erstickt. Den Begriff Web 2.0 hat Weischenberg so verwendet, wie er das verdient: ironisch.

    Das Zitat von Raff dagegen (der keinesfalls „erfrischend“ daher kommt, Gott bewahre!, sondern eher an Mayer-Vorfelder erinnert/in Auftreten und Satzmelodie) war eher so ein verbales Feigenblatt, um auch mal was hübsch-kritisch-optimistisches abzusondern. Diese Aussage wurde mit keinen anderen Aussagen von Raff inhaltlich gedeckt; im Kern ist mir von ihm – neben einigen Peinlichkeiten – eigentlich nur erinnerlich, dass er gern mal darauf hingewiesen hat: Komme, was wolle, das öffentlich-rechtliche System ist gesetzlich finanziell abgesichert und werde deshalb alle Stürme überstehen.

  • @Weinreich: Danke für die Ergänzung! Die Einschätzung des Raffschen Referats deckt sich mit einer weiteren Schilderung, die ich per Mail bekommen habe. 🙂

    Allerdings muss ich bei Weischenberg ein wenig widersprechen: Was er zum Journalismus im Allgemeinen gesagt hat, finde ich erträglich — was er zum Internet erzählt, nicht.

    Die Wikipedia-Übernahme durch Google zu befürchten, bedeutet aus meiner Sicht, die Lizenz der Wikipedia-Inhalte nicht verstanden zu haben. Worldtrip.tv und Ehrensenf als Beispiele der Medienkritik und des Graswurzel-Journalismus zu benennen, ist Unfug. Weblogs anhand ihrer Titel zu kritisieren, ist ebenfalls Unfug (falls es diese unter dem Titel überhaupt noch gibt).

    Weischenberg sagt zum Web 2.0: „Die Nutzung aller Möglichkeiten von Web 2.0 als Hort einer ‚medialen Demokratie’ aktiver und kreativer Bürger hätte ohnehin eine wesentliche Voraussetzung: Dass wir alle ohne Beruf sind und genügend Zeit haben, uns um das Netz zu kümmern – z. B. als Kunden, die kostenlos für Amazon Rezensionen schreiben.“ Schöne Vogelscheuche: Dass Web 2.0 die mediale Demokratie schafft, behauptet nun wirklich niemand. Und „die Nutzung aller Möglichkeiten“ würde ja auch bei traditionellen Medien niemand zur Bedingung machen.

    (Die Rede: //mediendisput.de/downloads/Rede%20S.%20Weischenberg.doc )