Ziemlich schmutzig

Die Berichterstattung über die Londoner Razzia.

„In London sucht die Polizei fieberhaft nach einer ’schmutzigen chemischen Bombe'“, heißt es derzeit im Aufmacher von Spiegel Online. „Polizei sucht schmutzige Bombe“, lautet die Aufmacher-Schlagzeile von Focus Online. Diese dramatische Formulierung haben beide wiederum offenbar von Reuters. Und ab da wird die Suche nach der Quelle zunehmend zum Stochern im Nebel. Im Reuters-Original heißt es nämlich:

Some newspapers, citing unnamed security sources, said police believed suspected militants had made a „dirty“ chemical device — a conventional bomb surrounded by toxic material that could be set off by a bomber wearing a suicide jacket.

Im Reuters-Bericht folgt im Anschluss an diesen Satz ein Zitat aus der Boulevardzeitung Sun, in deren Artikel von einer schmutzigen Bombe aber keine Rede ist.

Auch nicht im Guardian, („intelligence suggested that a viable chemical or biological weapon could be inside“), in der Times („a bomb laced with cyanide“), im Telegraph („a suspected chemical bomb“, „a device using a dangerous chemical other than ricin“). In aktuelleren Artikeln ist — unter Berufung auf Sicherheitskreise — die Rede von einer „improvised device rather than a sophisticated weapon“ (Telegraph) oder „a homemade device“ statt einer „sophisticated bomb“ (BBC).

Der Begriff „schmutzige Bombe“ wurde bislang im Deutschen wie im Englischen für radiologische Waffen verwendet, nicht für chemische Kampfstoffe. Wie kommt das Wort also in den Aufmacher von Spiegel und Focus Online? Weil beide vermelden, dass Reuters berichte, dass einige Zeitungen (welche nur?) schrieben, dass ungenannte Quellen aus den Sicherheitsbehörden sagten, dass die Polizei glaube, es könnte eine „schmutzige“ chemische Vorrichtung hergestellt worden sein. (Über die tatsächliche Lage im Ostlondoner Forest Gate weiß ich selbstverständlich nichts, was nicht in den Medien berichtet wird. Aber das hier sieht nach Stille-Post-Spielen aus.)

Nachtrag: Mittlerweile verwendet auch Reuters die Formulierung „schmutzige Bombe“ nicht mehr.

Geschichte, live

Montenegro in der Wikipedia.

Deutschsprachige Wikipedia:

Englischsprachige Wikipedia:

In der englischsprachigen Wikipedia gibt es zudem ein Montenegro-Portal.

Grimmebastelei (2)

So schwer ist auch das nicht.

Auf die Veröffentlichung der Bastelanleitung für den Grimme-Preis hat das zuständige Institut rasch reagiert und für die Onliner eine neue Statue entworfen. (Die alten Pokale landen offenbar schon auf Flohmärkten.)

Illustration zum Basteln eines Grimme-Online-Awards

Doch auch die neue Statue ist nicht fälschungssicher. Einfach eine Acrylglasscheibe mit einem Brenner stark erhitzen (1). Die nunmehr flüssige Masse in einen alten Parfümkarton gießen (2). Nach einigen Stunden ist das Acrylglas abgekühlt und ausgehärtet. Vorsichtig den Karton entfernen (3). Schließlich Grimme-Logo, Name des Preisträgers und den Schriftzug „Grimme Online Award“ mit einer handelsüblichen Strahlenkanone eingravieren (4). Fertig!

Ohne Doppelslash

Tim Berners-Lee über die Namen von Webadressen.

Baum In einem Leser-Interview der Herald Tribune sagt der Begründer des World Wide Webs, Tim Berners-Lee, etwas Bemerkenswertes über Domainnamen und Webadressen: Er hätte sich eine andere Namensstruktur gewünscht.

Statt //www.iht.com/news/2006/05 beispielsweise com/iht/news/2006/05 — die Domain also umgedreht und die Adresse komplett in Form eines Pfades.

Der Benutzer würde nicht bemerken, ob er sich auf www.iht.com mit dem Pfad news/2006/05 befindet oder etwa auf news.www.iht.com mit dem Pfad 2006/05. Darum würde sich der Browser kümmern, so dass bei Bedarf neue Server flexibel hinzugefügt werden könnten. Nebenbei: „No double-slash — duh!“

Wäre das Wirklichkeit geworden, würde das Web auf einen Benutzer vielleicht eher wie ein gigantisches Verzeichnis wirken, wie eine Riesen-Festplatte mit Ordnern über Ordnern. Vielleicht wäre der Baum mit seinen Zweigen die übliche Metapher für das Web geworden. Heutzutage schwer vorstellbar: Kein Dotcomboom, kein Dotcomtod, nur Pfade.