Austern, Rau, Infofreiheit und Konzernkampagnen

Ein paar Notizen vom Jahrestreffen des Netzwerks Recherche.

Ein paar Notizen vom Samstag beim 3. Jahrestreffen des Netzwerks Recherche auf dem NDR-Gelände in Hamburg-Lokstedt (bei dem ich sehr viele nette Leute wiedergesehen habe!):

Die Verschlossene Auster, der Preis des Netzwerks für Intransparenz und Kooperationsverweigerung gegenüber den Medien, geht 2004 an die HypoVereinsbank. Das Kreditinstitut erhielt den wenig begehrten Preis stellvertretend für 29 der 30 Unternehmen im DAX, die bei ihren Hauptversammlungen die Berichterstattung einschränken. Bild- und Tonaufnahmen sind nur von den Vorstandreden gestattet, nicht bei den Nachfragen und Anmerkungen der Aktionäre. Die löbliche Ausnahme ist übrigens Adidas-Salomon.

Der Bundespräsident hat eine Rede gehalten (und viele Anekdoten erzählt).

Spannend und viel zu wenig bekannt sind die Bemühungen um ein Informationsfreiheitsgesetz (IFG) des Bundes. Mehrere Organisationen (nr, DJU, DJV, HU, TI) haben im April einen eigenen Entwurf dafür vorgelegt, entsprechende Ländergesetze gibt es bereits in Schleswig-Holstein, Berlin, Brandenburg und NRW – und natürlich im Ausland. Jörg Tauss, der medienpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, versprach, der rot-grüne Gesetzentwurf zum IFG werde bis zur Sommerpause in trockenen Tüchern sein. Derzeit treffe sich die Arbeitsgruppe jeden Donnerstag um 8 Uhr morgens. Ein IFG des Bundes stand bereits 1998 im Koalitionsvertrag. Bald wollen die Organisationen übrigens mit einer Unterschriftenaktion für zusätzlichen Druck sorgen.

Christoph Keese, bis vor kurzem FTD-Chef und jetzt bei der Welt am Sonntag, hat vom „Ende der Konzernkampagnen“ gesprochen. Die Zeit, in der beispielsweise alle Axel-Springer-Blätter aus allen Rohren schießen, soll demnach vorbei sein. Als Gründe für diese These gibt Keese zum einen das Wachstum der Medienkonzerne an: Gruner & Jahr ist beispielsweise längst mehr als das „Stern“-Verlagshaus, Springer mehr als „Bild“. Zum anderen orientieren sich die Medienkonzerne am Kapitalmarkt statt an Verlegerpersönlichkeiten. Damit wächst ihr Interesse an Profitabilität, und stärkerer Binnenpluralismus ermöglicht es, mehr Marktsegmente abzudecken. Ein interessanter Gedanke.

Mehr dazu von Fiete Stegers bei tagesschau.de: Journalisten fragen nach dem Preis der Wahrheit

5 Kommentare

  • Zu dem Komplex „Informationsgesetz“ hat die Journalisten-Zeitschrift „message“ in einer der letzten Ausgaben sehr ausführlich berichtet. Leider haben die keine vernünftige Seite …

    //www.message-online.de/index.html

  • Ich zitiere
    > „Zum anderen orientieren sich die Medienkonzerne am Kapitalmarkt statt an Verlegerpersönlichkeiten. Damit wächst ihr Interesse an Profitabilität, und stärkerer Binnenpluralismus ermöglicht es, mehr Marktsegmente abzudecken. Ein interessanter Gedanke“

    Aha, also mehr Demokratie durch mehr shareholder-value-Orientierung! Ein sehr verwegener Gedanke.

  • @wolf: Ja — deshalb habe ich ihn gebloggt. Aber dennoch nicht unplausibel, oder? Die üblichen Argumente dagegen (etwa: Kommerzialisierung führt zu inhaltlicher Verflachung) sind ja bekannt. Aber die Rolle der „Verlegerpersönlichkeiten“, die natürlich mit der deutschen Nachkriegsgeschichte zu tun hat, ist tatsächlich Chance und Gefahr zugleich. Das muss nicht auf andere Länder übertragbar sein, in denen Medienkonzerne eventuell mehr Angst vor bestimmten politisch kontroversen Positionen ihrer Produkte haben, weil sie einen Boykott fürchten.

  • Das wäre ja purer Opportunismus. Da ist mir eine gerade Kante wie z.B. die von Axel Springer, die aber als Position klar erkennbar ist und gegen die man dann argumentieren kann, zehnmal lieber, als der einer Marketing-Strategie geschuldete nach außen hin zur Schau gestellte „liberale Zeitgeist“ eines Medienkonzerns, der damit nur die breite Öffentlichkeit einlullt, um dann umso besser die strategischen Weichen für seine langfristigen kommerziellen Interessen stellen zu können. Man kann auch über die Schiene des bürgerlichen Liberalismus in die neoliberale Gesellschaft rutschen.

  • Die kommerziellen Interessen eines Medienkonzerns sind meiner Ansicht nach ebenso klar zu erkennen wie Springers gerade Kante. Ich glaube auch nicht, dass ein einzelnes Medium aufgrund einer Marketing-Strategie eine völlig fremde politische Position dauerhaft und mit Erfolg vortäuschen könnte. Der entstehende Binnenpluralismus wäre auch weniger nach außen hin präsentiert, sondern eher Zufallsprodukt. Als Garantie für Unabhängigkeit würde ich das beileibe auch nicht sehen, aber als nicht ganz unzutreffende Beobachtung der Medienentwicklung seit der Nachkriegszeit.