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26. Januar 2006

Schlagwörter:

Nochmals Washington-Post-Blogs

Fehldarstellungen auch im Tagesspiegel.

Christoph von Marschall beginnt seinen Artikel im Tagesspiegel mit Worten, die hoffnungsfroh stimmen:

Die erste Version lag daneben: Die »Washington Post« habe nach knapp zwei Monaten das Experiment beendet, ihre Leser auf zeitungseigenen Web-Seiten die gedruckten Artikel in so genannten Blogs kommentieren zu lassen: wegen zu vielen Regelverstößen und Beschimpfungen – so konnte man es vor wenigen Tagen unter anderem in Spiegel-online lesen.

Dass diese Version ziemlich daneben lag, war bereits bei Wortfeld zu lesen. Doch dann schreibt der Tagesspiegel-Autor, dass es »in Wahrheit« offenbar um den »organisierten Angriff von Parteigängern der Demokraten auf die Ombudsfrau der ›Post’, Deborah Howell« gehe. Dabei hatte Spiegel Online korrekterweise auf den Auslöser des Vorfalls hingewiesen, nämlich »eine Flut von derbsten Beschimpfungen gegen eine Kolumnistin des Blattes« — auch wenn nicht die Einzelheiten vermeldet wurden. (Howell ist Ombudsfrau mit Kolumne, beides ist also richtig.)

Und schließlich wiederholt von Marschall die falsche Darstellung bei Spiegel Online: »Daraufhin schloss die ›Washington Post‹ diesen Blog.« In dem Artikel fliegen die Begriffe fröhlich durcheinander: Mal steht »Blog« für einen Kommentar, mal steht »Blog« für einen Blogeintrag, mal für ein Weblog; an anderer Stelle heißen Weblogs »Blog-Foren«. Konsequent durchgehalten ist nur der falsche männliche Artikel vor dem Wort »Blog«. Aber wenn ich jetzt noch schreibe, dass Weblogs nicht »prinzipiell kontrollfrei« sind und das betreffende Post-Weblog gar keines »für die online-Kommentierung der gedruckten Meinungsseite« war, dann werde ich ja schon wieder zum Spießer 2.0.


6 Kommentare

Torsten
26. Januar 2006, 8:40

Was mir an diesem Artikel besonders aufstieß ist die Begriffsverwirrung. Der Begriff »Blog« wird unterschiedlos für ganze Blogs, Blogartikel und Blogkommentare benutzt. Wie erklärt man sich sonst Zitate wie dieses: »Schon jetzt habe die Post zwei Vollzeitbeschäftigte, die nichts anderes täten, als gesetzeswidrige Blogs wenigstens im Nachhinein herauszufiltern.«


Torsten
26. Januar 2006, 11:27

Jetzt auch in der FAZ:

Eine Kolumnistin des Blattes wurde im hauseigenen Blog übelst beschimpft, und zwei Mitarbeiter, die nichts anderes zu tun hatten, als die Blogs von Unrat zu befreien, waren schlicht überfordert. So mußte die „Post” zwischenzeitlich den Stecker ziehen und ein neues Registrierungsverfahren einrichten.

http://www.faz.net/s/Rub8A25A66CA9514B9892E0074EDE4E5AFA/Doc~E6BE39C33013C4D42B71AC90AFF08EC51~ATpl~Ecommon~Scontent.html#top

Besonders schön ist der Entsetzensschrei bezüglich der Wir-Medien in der Mitte des Artikels :-)


k
30. Januar 2006, 21:08

die wortkombination »post-blog« lässt mich immer an die stimmen denken, die blogs zu grabe trugen als podcasts kamen …


Felix Deutsch
11. März 2006, 22:34

Die grundlegende Fehldarstellung/Auslassung in allen Veröffentlichungen (auch hier) besteht darin, dass der eigentliche Grund der Verärgerung der Kommentatoren nicht genannt wird: Die wiederholte Lüge von Howell, Demokraten hätten Geld des Lobbyisten Abramoff erhalten. Das war ein offensichtlicher Versuch, republikanischen spin zum Faktum zu machen. Bis heute ist keine Korrektur weder des ursprünglichenWaPo Artikels, noch der folgenden Kolumne Howells erfolgt. Das ist insbesondere deshalb pervers, weil die Funktion eines »reader representative« ja eigentlich die Vertretung der Leser gegenüber der Zeitung sein sollte. Das hat weder Howell, noch der ehemalige (erste) Ombudsmann der NYT begriffen.
Aber dafür wird sie ja nicht bezahlt.

Auch die Aussagen von John Harris bzw Wapo allgemein bez. der angeblichen Menge und Stärke der Beleidigungen sind mit Vorsicht zu geniessen. Ich habe den thread damals live mitgelesen.


Alexander
12. März 2006, 11:54

@Felix Deutsch: Das Thema steht für mich nicht so sehr im Vordergrund, weil die Kommentare auch wegen jeder anderen hitzigen Diskussion hätten geschlossen werden können.

Allerdings hat Howell mittlerweile eingeräumt, sie hätte sagen sollen, dass Demokraten nicht direkt von Abramoff, sondern auf Veranlassung Abramoffs Geld erhalten haben. Zwei demokratische Senatoren haben mittlerweile 86.000 Dollar zurückgezahlt, die sie von Abramoffs Lobby-Klienten bekommen haben. Im Zentrum des Skandals stehen aber die Republikaner, und das schreibt die WaPo auch so: »Abramoff was one of Washington’s most prominent Republican lobbyists and his political pedigree and alliances were overwhelmingly conservative and Republican.«


Felix Deutsch
17. März 2006, 21:06

Allerdings hat Howell mittlerweile eingeräumt, sie hätte sagen sollen, dass Demokraten nicht direkt von Abramoff, sondern auf Veranlassung Abramoffs Geld erhalten haben.

Ja, das ist der nächste Eintrag im GOP-blastfax und auch eine Lüge.

Sie hat ausserdem nie die originale AUssage zurückgezogen und sich für die klare Fehlinformation entschuldigt, sondern eine weitere Verdrehung geliefert.

Diese Spender haben zwar weiterhin AUCH an Demokraten gespendet, aber wesentlich weniger seit sie Klienten von Abramoff wurden und sicher nicht auf seine Veranlassung.
Der ganze Zweck des K-Street Project der Republikaner ist ja gerade, die Geldflüsse an Demokraten auszutrocknen und Abramoff ist nicht irgendein (im Sinne von Parteien) unabhängiger Lobbyist, sondern 100% GOP, ex-Jungrepubliklaner, etc.


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