Paralysiert

Warum der BBC iPlayer nicht vorankommt.

Von der geplanten BBC-On-Demand-Plattform iPlayer war ja bei Wortfeld schon öfters die Rede. Sie ist, nach vier Jahren, immer noch die geplante Plattform. Bobbie Johnson hat für den Guardian versucht herauszufinden, warum die BBC unter anderem damit nicht vorankommt. Ein Auszug aus dem Artikel:

After years of being technologically ahead of its rivals in both the public and private sector, people at the heart of the corporation say that it is paralysed by fear, and innovation has been crippled by a power struggle between different factions.

(Da MediaGuardian eine Registrierung erfordert, geht der Link jetzt direkt auf das Weblog des Autors.) Um den Hintergrund zu verstehen: Tessa Jowell, über die Ex-BBC-Generaldirektor Greg Dyke so sehr schimpft, ist seit 2001 die britische Ministerin für Medien. Michael Grade leitete von 2004 bis 2006 das BBC-Aufsichtsgremium. Ofcom ist der britische Kommunikations-Regulierer, der sich um vieles kümmert, aber nicht die BBC-Aufsicht. Dafür war von 1927 bis 2006 das Board of Governors zuständig, seit 2007 ist es der BBC Trust.

Doppelschlag

Neue Online-Looks für Zeit und Guardian.

Zeit-Online-Merkliste Zeit Online macht einen radikalen Schnitt — der Relaunch am Montag lässt zumindest auf der Startseite des Angebots kaum einen Stein auf dem anderen, wie das Vorabbild verrät. Hoffentlich gelingt es mit der neuen Ressort-Navigation und der Einteilung in linke Seiten- und rechte Hauptspalte, die vielen exzellenten Inhalte endlich einmal besser zugänglich zu machen.

Auffällig ist unter anderem die neue Merkliste: Wie bei der Herald Tribune können Nutzer erst einmal die Artikel einsammeln gehen und dann gebündelt lesen. Neu ist das auch in Deutschland nicht. Schon im Jahr 2000 gab es auf der Website der Financial Times Deutschland Kästchen vor den Artikeln und einen Link „Meine Artikel“. Bei FTD.de ist das Feature längst wieder verschwunden, dafür ist es etwa bei YouTube wieder aufgetaucht. Mal abwarten, ob die Zeit-Online-Leser auch solche Sammelleidenschaft besitzen.

(Schneller Nachtrag nach dem Relaunch: Der allererste Eindruck ist gut, auch wenn 796 Pixel für den Inhalt auf einem 1280-Pixel-Monitor eher schmal wirken. Die Ressorts sind, wie zu erwarten war, deutlich besser zugänglich. Allerdings habe ich den Verdacht, dass hier vergangene Navigierbarkeitsschwächen etwas überkompensiert werden.)

Guardian-Start- und Unterseiten Einen neuen Look hat auch die britische Zeitung Guardian ihrer Online-Startseite verpasst: Erstaunlicherweise erinnert das Logo von Guardian Unlimited weiterhin stärker an das Zeitungsdesign der Jahre 1988 bis 2005 als an das aktuelle. Online-Chefin Emily Bell erklärt, das neue Website-Design erlaube mehr Flexibilität und betone die visuellen Elemente. Leider soll der Umbau von Guardian Unlimited aber anderthalb Jahre dauern. Derzeit müssen die Nutzer mit einem wilden Stilmix leben: Ein Klick auf einen Startseiten-Artikel führt ins schmalere, anders gestaltete Politik-Ressort. Das Arts Blog ähnelt der Debattenplattform, sieht aber völlig anders aus als Roy Greenslades Medienblog. Und der Reiseteil sieht jetzt aus wie eine Mischung aus allem.

Nominati

Neues vom Grimme Online Award 2007.

Der heutige Donnerstag ist Grimme-Online-Award-Nominierungen-Bekanntgabetag: Am Vormittag wurde in Köln die Liste der Nominierten 2007 samt Statement der Nominierungskommission veröffentlicht. Glückwunsch an alle!

Mehr als 1.300 Vorschläge sind eingegangen, 20 Websites sind nominiert. Harte Holzbänke blieben uns Vorsortierern von der Kommission zwar erspart, aber natürlich nicht stundenlange Seiten-Sichtungen — und der Vormarsch von Video und Audio macht das Beurteilen von Netzangeboten nicht eben schneller und einfacher. Spaß hat es gemacht, wir reden auch nach der Schlussdiskussion über die endgültigen Nominierungen noch miteinander, und dem Team vom Grimme-Institut gebührt großer Dank für die exzellente Vorbereitung!

Bei der Vorstellung der Nominierungen in Düsseldorf hatten Michael Schwertel und ich das Vergnügen, ein paar von den Leuten zu sehen, die hinter den nominierten Webseiten stecken. Besonders freue ich mich, dass eine solche Nominierung in den Medienhäusern die Position der innovationsfreudigeren Macher stärkt, wie mir mehrere von ihnen berichteten.

Das Feld gehört nun zum einen den Nutzern, die bis zum 18. Juni den Gewinner des Publikumspreises bestimmen, und zum anderen der Jury. Bis zu drei Angebote dürfen die Juroren nachnominieren — im Juni vergeben sie dann schlussendlich bis zu sechs Grimme Online Awards.

En direct

Livetickerer bekommt Tränengas ab.

Der sueddeutsche.de-Liveticker aus dem Café der Wahlverlierer an der Place de la Bastille endet sehr wild: Der Reporter Johannes Honsell gerät in eine Straßenschlacht, bekommt Tränengas ab, flüchtet zurück ins Café „Le Bastille“, von wo er jetzt eingeschlossen den Polizeieinsatz abwartet und sowohl die Medienberichterstattung als auch das Geschehen vor der Tür kommentiert:

23:13 Uhr Der Kontrast ist schwer auszuhalten. Draußen tobt ein Straßenkampf, auf dem Schirm im Inneren des Cafés spricht Sarkozy auf dem Platz der Concorde von einem geeinten Frankreich.

Wochenspiegel

Neues Design auch für Guardian Weekly.

Guardian WeeklyFast zwei Jahre nach dem Guardian bekommt nun auch die Wochenausgabe einen neuen Look: Guardian Weekly ist seit diesem Freitag durchgehend farbig und misst handgestoppte 233 mal 313 mm. Schwerpunkte der ersten Weekly sind internationale Nachrichten (7 der 48 Seiten), Leitartikel und Kommentare (6 Seiten), der Review-Teil mit längeren Reportagen und Analysen (5 Seiten), während Nachrichten aus Großbritannien gerade einmal so viel Platz bekommen wie die Buchrezensionen (4 Seiten). Ein paar Artikel stammen aus dem Guardian-Sonntagsblatt Observer, je ein Kommentar und ein Artikel aus der Washington Post, diesmal nichts eine Reportage aus Le Monde.

Das Blatt erscheint also am Freitag, geht aber schon am Dienstag in Druck. Die Wechselkurstabelle stammt vom Montag. Wer liest so etwas im Internetzeitalter? Die Verkaufsauflage von 78.500 Exemplare geht zu 34 Prozent nach Afrika. Die Anzeigen stammen fast ausschließlich von Banken und Bildungseinrichtungen oder bieten Jobs in der Entwicklungshilfe. Wenn die Daten aus der Leserumfrage 2004 noch stimmen, erreicht das Blatt vor allem die Eliten im Bildungs- und Regierungssektor.

Leider ist Guardian Weekly auch im neuen Design vergleichsweise tot — ein Ein-Zeitungs-Pressespiegel eben, zusammengestellt für die bedauernswerten Menschen, die den echten Guardian nicht täglich bekommen können. (Noch schlimmer ist übrigens das Magazin Guardian Monthly.) Aber die Zahl der Menschen, die lieber mindestens drei Tage alte Artikel gedruckt lesen wollen als dafür das Internet zu nutzen, reicht 2007 offenbar noch aus, um das Konstrukt am Leben zu erhalten.