Junge Netzgucker

Mehr Zeit im Netz als vor TV?

Dass nicht mehr der Fernseher, sondern Handy und Computer für die jüngere Generation unentbehrlich sind, mag ja stimmen. Aber die IBM-Studie, die jetzt durch ansonsten geschätzte Blogs wie NewTeeVee oder Buzzmachine schwirrt, verspricht ein bisschen mehr als sie hält: „The global findings overwhelmingly suggest personal Internet time rivals TV time“, heißt es am Anfang der IBM-Pressemitteilung. Und wer wurde dazu wie befragt? Für die USA: 888 Konsumenten über 18 Jahren per Online-Umfrage. Für Deutschland: 338 Konsumenten per Online-Umfrage. Nur um anzudeuten, wie meilenweit die deutsche Online-Befragung von der tatsächlichen Bevölkerungsstruktur entfernt ist: Der Anteil der befragten Über-65-Jährigen lag bei 0 Prozent (statt tatsächlich 19 Prozent der Bevölkerung), während die 18- bis 24-Jährigen mit 22 Prozent (statt 8 Prozent) überproportional vertreten waren. Hinweise darauf, wie die US-Onlinefragebogen-Firma Zoomerang an die deutschen Befragten herangekommen ist, finde ich in den Unterlagen zur Umfrage nicht.

Zum Vergleich mal die Daten aus der GfK-Fernsehforschung (Quelle): Bei den 14- bis 19-Jährigen ist die TV-Nutzung von 2003 zu 2006 um 13 Minuten auf 105 Minuten gesunken. Insgesamt, also bei den Zuschauern ab 3 Jahren, ist die Sehdauer in diesem Zeitraum jedoch gestiegen, von 201 auf 212 Minuten.

Wikis vor 1900

Freiwillige Helfer ermöglichten das OED.

Every day, librarians around the world turn to the Oxford English Dictionary (OED) as the definitive resource. This trusted authority, however, has a shocking secret — the venerable OED began life as a wiki. Well, sort of.

Bibliothekar Chris Harris, der das in einem Artikel über den Umgang mit der Wikipedia schreibt, hat Recht: Das von 1884 bis 1928 herausgegebene, wichtigste Wörterbuch der englischen Sprache begann mit einem Appell an die Englisch sprechende und lesende Öffentlichkeit „to read books and make extracts“ (Faksimile von 1879). Ein besonders wichtiger freiwilliger Helfer, der Zitatzettel für das Wörterbuch sammelte, war übrigens William Chester Minor, Insasse des psychiatrischen Hochsicherheits-Krankenhauses Broadmoor.

Land und Leute

Provinzkundschafter und Inkognito-Stars.

Manchen guten Ideen tut es gar nicht weh, wenn mehrere Medien sie haben; fast egal, aus welcher Richtung die Inspiration gekommen ist. Da sind zum einen die Journalisten, die derzeit in der Provinz nach der dortigen Jugend schauen. Maximilian Popp war in Oberkümmering („In der Stadt wohnen nur Irre“), Jochen Brenner und Benja Weller in Ducherow („In zwei Jahren bin ich hier weg“), und auch nach Rennerod und Papenburg hat der SchulSpiegel Reporter für die Serie „Wir Provinzkinder“ geschickt. Schon etwas früher war Andrea Jeska für das Zeit-Dossier in Steinhorst: Samstagnacht auf dem Land — sehr lesenswert.

Zum anderen sind da die Experimente (mal nicht am eigenen Leib). Die Washington Post hat im April den Star-Violonisten Joshua Bell zur Rushhour in eine U-Bahn-Station gestellt und die Reaktionen der Passanten abgewartet. Unter Beobachtung der FAZ saß nun Daniel Richter inkognito vor dem Centre Pompidou und hat Touristen für fünf Euro porträtiert. (Aber, FAZ.NET: Warum nur ist das Video nicht einzeln verlinkbar, sondern versteckt sich als 17. Bild einer Fotostrecke?)

8,8 mm mehr

Der steigende Schuppungsgrad.

Mehr Gestaltungsspielraum für Deutschlands Zeitschriften! Und zwar 2006 genau 8,8 Millimeter mehr als im Vorjahr — hier rot eingezeichnet:

Zeitschriften mit eingezeichnetem Schuppungsgrad

Die Zeitschriften haben nämlich laut Pressegrosso-Statistik im Durchschnitt 16,87 Bordmeter Platz (plus 17 Zentimeter), während zugleich die Sortimentsbreite auf durchschnittlich 197 Zeitschriften gesunken ist (minus 19): Also steigt der Schuppungsgrad, die Präsentationsgröße pro Objekt. Danke an Peter Schumacher für diese Lektion aus der Reihe Medienwissen für Angeber. (Das schöne Wort „Schuppungsgrad“ aber bitte kontextsensitiv anwenden.)

Ressourcenverkauf

BBC-Ü-Wagen und Studios auf dem Markt.

Möchte jemand 15 TV-Ü-Wagen, 18 Fernsehstudios und 200 Post-Production-Räumlichkeiten haben? Die BBC verkauft jetzt ihre Sparte BBC Resources, zwar ohne die Kostüme und mehr als 10.000 Perücken — dafür aber mit dem Studio, in dem EastEnders gedreht wird. (Die Playout-Sparte BBC Broadcast gehört seit 2005 als Red Bee Media australischen Investmentbänkern, seit 2004 ist die IT-Sparte BBC Technology Teil von Siemens SBS. Jetzt bleibt vom kommerziellen Arm nur noch BBC Worldwide, die die BBC-Inhalte weltweit vermarkten.)