Mission Gottesreich

Christlicher Fundamentalismus hierzulande.

Fundamentalistische Christen? Meine ersten Assoziationen: amerikanische Fernsehprediger, Jesus Camp, Jerry Falwell und Konsorten.

Dass einer dieser Prediger mit dem weltweit größten Publikum ein Deutscher ist, dass es auch für deutsche Schüler Lehrbücher für die biblische Schöpfungslehre gibt, dass in Deutschland 80 evangelikale Bekenntnisschulen existieren und dass der Einfluss der bibeltreuen Evangelikalen in den deutschen Landeskirchen zunimmt, ist in den Medien nicht ganz so häufig zu lesen. (Um einen Äpfel-Birnen-Vergleich zu wagen: Die katholische Piusbruderschaft, die wochenlang für Aufsehen sorgte, soll in Deutschland angeblich rund 30.000 Anhänger um sich scharen. Die Deutsche Evangelische Allianz, ein Dachverband der Evangelikalen, sieht sich dagegen als Repräsentant von 1,3 Millionen Menschen.)

Zwei geschätzte Journalistenkollegen, Oda Lambrecht und Christian Baars, haben sich auf die Spurensuche gemacht, Interviews geführt, Bücher, Predigten und Internetforen ausgewertet. Das Ergebnis liegt jetzt als Buch vor, begleitet von einem Weblog, für das ich hier gern Reklame mache: Mission Gottesreich – Fundamentalistische Christen in Deutschland. Im Blog sammeln sie Neuigkeiten zum Thema und Reaktionen auf das am Freitag erschienene Buch, außerdem gibt es natürlich Leseproben, Hintergründe und Linksammlungen.

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  • Ich liebe ja den Umgang mit den Evangelikalen in „The West Wing“. Die Abfuhr im Piloten war schon sehenswert – aber als Bartlett die Dr. Jenna Jacobs zusammenstaucht.

    President Josiah Bartlet: Good. I like your show. I like how you call homosexuality an abomination.

    Dr. Jenna Jacobs: I don’t say homosexuality is an abomination, Mr. President. The Bible does.

    President Josiah Bartlet: Yes it does. Leviticus.

    Dr. Jenna Jacobs: 18:22.

    President Josiah Bartlet: Chapter and verse. I wanted to ask you a couple of questions while I have you here. I’m interested in selling my youngest daughter into slavery as sanctioned in Exodus 21:7. She’s a Georgetown sophomore, speaks fluent Italian, always cleared the table when it was her turn. What would a good price for her be? While thinking about that, can I ask another? My Chief of Staff Leo McGarry insists on working on the Sabbath. Exodus 35:2 clearly says he should be put to death. Am I morally obligated to kill him myself or is it okay to call the police? Here’s one that’s really important because we’ve got a lot of sports fans in this town: touching the skin of a dead pig makes one unclean. Leviticus 11:7. If they promise to wear gloves, can the Washington Redskins still play football? Can Notre Dame? Can West Point? Does the whole town really have to be together to stone my brother John for planting different crops side by side? Can I burn my mother in a small family gathering for wearing garments made from two different threads? Think about those questions, would you? One last thing: while you may be mistaking this for your monthly meeting of the Ignorant Tight-Ass Club, in this building, when the President stands, nobody sits.

  • A propos „Äpfel-Birnen-Vergleich“: Vielleicht hat die mediale Aufregung um die Pius-Brüderschaft ja damit zu tun, dass einer ihrer prominenten Vertreter den Holocaust leugnet. Dass prominente Vertreter von evangelikalen Christen ebenfalls den Holocaust leugnen, wäre mir neu. Aber ich verstehe schon: das wollten Sie ja auch gar nicht andeuten.

    Was aber dann? Wozu dann dieser Vergleich? Es gibt weltweit vermutlich tausende von unterschiedlichen christlichen Gruppierungen. Einige mit Millionen Mitgliedern, andere mit wenigen Hundert. Und keine davon kam – wie die evangelische Allianz – in den letzten Wochen in den Medien vor.

    Also ist es wohl der „Fundamentalismus“, der zu einem Vergleich zwischen Pius-Brüderschaft und evangelische Allianz einlädt?

    „Fundamentalismus“ ist jedoch ein Gummibegriff, mit dem leider allzu häufig wesentliche Unterschiede zugekleistert werden, mit dem man nichts erklärt, mit dem man letztlich nur, wenn der Begriff negativ gebraucht wird, diffamiert.

    Und wenn man den Begriff darauf reduzieren will, dass er Leute beschreibt, die fest an irgendwas glauben, das anderen Menschen eventuell als unmodern oder sonstwie abgehoben erscheint, erklärt er auch wieder nichts. Dann wäre auch Voltaire ein Fundamentalist, weil er für die Verteidigung des Rechts seiner Feinde, ihm ungestraft öffentlich widersprechen zu können, sterben wollen würde.

  • @Solon: Ganz so gummiartig ist der Begriff Fundamentalismus nun auch nicht. Wenn man ihn gern ganz eng US-kirchengeschichtlich auslegt, setzen die fundamentalistischen Christen (2001 bezeichneten sich 61.000 Amerikaner als solche) anders als die evangelikalen Christen auf Abgrenzung, ja Abschottung vom Mainstream. Aber etwas abstrakter gesehen geht es um den kompromisslosen, radikalen Bezug auf unhinterfragbare Grund-Glaubenssätze als Reaktion auf und im Gegensatz zur Moderne. Da passt Voltaire als Aufklärer nicht recht ins Schema, anders als solche Religionsanhänger, die historisch-kritische Auslegungen religiöser Schriften ablehnen und gegenläufige wissenschaftliche Erkenntnisse bestreiten.

    Und ja, es ging beim Vergleich nicht um die Position zum Holocaust, sondern die zahlenmäßige Relevanz dieser Gruppen in der deutschen Gesellschaft. Anders als die Evangelikalen (und hier darf und soll weiter differenziert werden!) sind die Anhänger der Piusbruderschaft hierzulande völlig irrelevant.

    Und @Torsten: Ja, großartige Szene!

  • Kobalt hat mit „Jesus‘ junge Garde“ (2005) ist eine recht be(ein)drückende Reportage zum Thema abgeliefert:

    //www.phoenix.de/jesus_junge_garde/2006/02/15/0/58849.1.htm
    //video.google.de/videoplay?docid=-7900195508503040886

  • „Aber etwas abstrakter gesehen geht es um den kompromisslosen, radikalen Bezug auf unhinterfragbare Grund-Glaubenssätze“

    Dieses Kriterium dürfte wohl jeder Angehörige einer Glaubensgemeinschaft erfüllen, sonst wäre er ja nicht Angehöriger einer Glaubensgemeinschaft.

    „als Reaktion auf und im Gegensatz zur Moderne.“

    Eine Religion, die mehrere tausend Jahre alt ist, kann sicherlich vielen Menschen als unmodern erscheinen.

    „anders als solche Religionsanhänger, die historisch-kritische Auslegungen religiöser Schriften ablehnen und gegenläufige wissenschaftliche Erkenntnisse bestreiten.“

    Das wären dann theologische Auseinandersetzungen, denn letztlich geht es da dann immer um das Verständnis von religiösen Schriften. Denn historisch-kritische Auslegung hin oder her – sie kann den Menschen ebenfalls nicht vorschreiben, wie sie ihren Glauben verstehen und leben sollen.

    Was ich sagen will: So lange religiöse Gruppen keine Gesetze verletzen und nicht gegen das Grundgesetz arbeiten, sollen sie glauben, was sie wollen und so viel PR-Arbeit für ihre Ansichten tun so vernetzt und umfassend sie wollen. Wer etwas gegen diese Gruppen hat, sollte entweder konkrete Missachtung von Gesetzen nachweisen oder sich theologisch mit ihnen streiten. Der Topf „Fundamentalismus“, in den ja beispielsweise auch Islamisten gesteckt werden, die eine klare politische Änderung des Systems (Scharia) anstreben, hilft letztlich nicht, um diese Gruppen zu beschreiben. Im Gegenteil: wegen seiner Unschärfe löst er nur Angst und Missverständnisse und Vorurteile aus.