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24. Juli 2009

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Fee fatale

Kein schöner Abend im Pressehaus.

Langsam und sehr, sehr würdevoll schwebte die Fee aus dem Pressehaus am Schiffbauerdamm in den Berliner Abendhimmel. „Ein bisschen wie Mary Poppins“, flüsterte einer der Herren, die eben noch rund um den DJV-Konferenztisch versammelt saßen und jetzt aus dem offenen Fenster starrten. Es dauerte einen Moment, bis sich einer an den Laptop setzte und „news.google.de“ eintippte – Server nicht gefunden. Die Fee hatte es tatsächlich getan: Google News war verschwunden.

Schnell hatte der Mann am Laptop einen Spiegel-Online-Artikel über Google News entdeckt, in dem die Rede war von 2,8 Millionen Unique Users im Mai 2009. Damit rangierte das verschwundene Angebot irgendwo zwischen den AGOF-Zahlen von yasni.de und zylom.de, sagte der Mann am Laptop. Für kurze Zeit wurde es still im Raum, aber niemand traute sich, nach yasni.de und zylom.de zu fragen.

Ohne Google News müssten diese User sich doch nun auf andere Angebote verteilen, oder? 2,8 Millionen, die nicht mehr gratis die Überschriften und die ersten 255 Zeichen des Artikels bekommen. 2,8 Millionen, die jetzt alle ohne Umwege zu den Qualitätsinhalten gehen. Jetzt müssen die Verleger sich nur noch entscheiden, ob sie Geld dafür nehmen oder die Anzeigen besser vermarkten, und dann den Gewinn an uns Journalisten weitergeben und dann… Der Mann am Laptop räusperte sich: Was, wenn ein Teil der Nutzer jetzt zu Yahoo News abwandert, wo es gleich ganze Agenturmeldungen ohne Links gibt? Langsam sickerte die gute Stimmung, von der eben noch so viel da war, durch Tür- und Fensterritzen davon.

Aber ein Teil der Nutzer geht doch jetzt bestimmt direkt zu Onlineangeboten der Verlage? Ja, vermutlich, da war sich die Runde schnell einig. Womöglich eher zu den bekannten Angeboten, mutmaßte der Laptop-Mann, der die zunehmend gereizten Blicke seiner Kollegen gar nicht wahrnahm. Also eher zu Spiegel Online, Focus Online, Welt.de – er machte eine kleine Kunstpause – und Web.de oder GMX, wo es ja nun einmal auch Schlagzeilen gibt. Einige am Tisch stöhnten leise auf.

Der Mann am Computer war mittlerweile in Fahrt gekommen: Außerdem nutzten etliche Leute Google News gar nicht als Nachrichtenüberblick, sondern vor allem, um gezielt Artikel in den Onlineangeboten der Verlage zu finden. Ob die dann nicht einfach über Genios suchen könnten, fragte einer seiner Kollegen zaghaft. Statt zu antworten, zeigte der Mann auf seinem Laptop stumm einen Genios-Treffer: „104 Wörter, 3,21 Euro“. Als er dann auch noch begann, von Marktlücken und Paperball.de zu sprechen, konnten die meisten im Konferenzraum schon nicht mehr hinhören.

Kurz vor Mitternacht verließ die Runde endlich den Raum; der angefangene Entwurf einer Pressemitteilung („Ein guter Tag für Deutschlands Onlinezeitungen“) blieb im Papierkorb liegen. „Wir hätten uns Google-Aktien wünschen sollen“, sagte einer, als sie die Treppe hinuntergingen, aber keiner mochte lachen. „Vielleicht ist die Fee ja noch in der Nähe“, meinte ein anderer, und alle schauten angestrengt in die Nacht.

Aber da schwebte die Fee längst Hunderte Kilometer entfernt auf den Börsenverein des Deutschen Buchhandels zu, langsam und würdevoll.

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11 Kommentare

Ugugu
24. Juli 2009, 14:16

hihi, sehr gelungener mash-up. was mich ausserdem interessieren würde: wie viele millionen klicks würden google-news wohl entgehen, wenn all die recherche- und crosscheck-anfragen durch journalisten ausbleiben würden?


Johannes
24. Juli 2009, 14:22

Ich frage mich ja immer noch, warum Burda & Co. den ungeliebten Google Crawler nicht einfach via robots.txt aussperren. Dann isses vorbei mit der Bereichung auf eigene Kosten.

Ciao
Johannes


Waldweg
24. Juli 2009, 15:42

@Johannes: mit verlaub gesagt, weil vermutlich niemand genug Ahnung von der Materie Internet hat, um auf sowas zu kommen? ;D

@Artikel: Finde es wie ugugu ebenfalls sehr gelungen. Eine realistische Prophezeiung, weitab der ewig-infantilen »der hat meinen Schnuller geklaut«-Schreiere. Herrlichst.


Ron
24. Juli 2009, 15:51

Wunderbar auf den Punkt gebracht. Danke dafür!


Thomas Mrazek
24. Juli 2009, 16:00

((-: Hoffentlich kommt jetzt nicht bald: »So, alle Argumente sind ausgetauscht, es wird ermüdend. (…)«


Jakob
24. Juli 2009, 17:21

Wunderbar. Was passiert in Folge zwei? »Die Fee beim Börsenverein«


lemabu
24. Juli 2009, 17:24

Google selbst geht mit der ganzen Thematik sehr cool und gelassen um und reagiert einfach mit einem netten und sachlichen Blog-Eintrag, die »News Publishern« erklärt, wie sie mit Hilfe von robots.txt Google und andere Suchmaschinen vom Indexieren ihrer wundervollen Inhalte abhalten können: http://googlepublicpolicy.blogspot.com/2009/07/working-with-news-publishers.html

Genötigt wird also niemand, seine Inhalte über Google auffindbar zu machen. Allein: Wie weltfremd und absurd ist überhaupt das Denken, dass Google zu bestrafen oder zur Rechenschaft zu ziehen sei? Ohne diesen und ähnliche Dienste könnten wohl die meisten Seiten der »News Publisher« auf einen erheblichen Anteil ihrer wertvollen Page Impressions verzichten – wäre da nicht eigentlich viel mehr Dankbarkeit angebracht als das Gegiere nach Anteilen an Googles Werbe-Einnahmen?


Marko
24. Juli 2009, 17:26

:-)) Einfach herrlich – prima Beitrag.

Cheers


Iris
24. Juli 2009, 17:51

Wie schön!


popitz
24. Juli 2009, 21:17

Bei aller berechtigten Polemik in den Kommentaren: Hintersinn des Googlebashings, dem aber keine robots.txt-Taten folgen, ist nicht Unwissen, sondern natürlich, dass die Verlage als »Inhaltsersteller« auch von der Verlinkung finanziell profitieren möchten. Also ein Stück vom Google-Kuchen möchten, am besten via Gesetz.

Denn das Google bereits einen wesentlichen Teil ihrer Einnahmen zu generieren hilft, dürfte den betriebswirtschaftlich versierten Verlegern auch durchaus bekannt sein.


unicus content
3. August 2009, 2:51

Schöner Beitrag! Aber mal im Ernst: Als ob sich google von soetwas irgendwie tangieren lassen würde. Sowohl jetzt als auch zukünftig ist und bleibt google »die Macht« durch die Kontrolle übers Internet und dennoch unantastbar. Alleine das gesamte Wirken von google überschauen zu können dürfte einen geradezu undurchführbaren Versuch darstellen.


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