Fee fatale

Kein schöner Abend im Pressehaus.

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Langsam und sehr, sehr würdevoll schwebte die Fee aus dem Pressehaus am Schiffbauerdamm in den Berliner Abendhimmel. „Ein bisschen wie Mary Poppins“, flüsterte einer der Herren, die eben noch rund um den DJV-Konferenztisch versammelt saßen und jetzt aus dem offenen Fenster starrten. Es dauerte einen Moment, bis sich einer an den Laptop setzte und „news.google.de“ eintippte – Server nicht gefunden. Die Fee hatte es tatsächlich getan: Google News war verschwunden.

Schnell hatte der Mann am Laptop einen Spiegel-Online-Artikel über Google News entdeckt, in dem die Rede war von 2,8 Millionen Unique Users im Mai 2009. Damit rangierte das verschwundene Angebot irgendwo zwischen den AGOF-Zahlen von yasni.de und zylom.de, sagte der Mann am Laptop. Für kurze Zeit wurde es still im Raum, aber niemand traute sich, nach yasni.de und zylom.de zu fragen.

Ohne Google News müssten diese User sich doch nun auf andere Angebote verteilen, oder? 2,8 Millionen, die nicht mehr gratis die Überschriften und die ersten 255 Zeichen des Artikels bekommen. 2,8 Millionen, die jetzt alle ohne Umwege zu den Qualitätsinhalten gehen. Jetzt müssen die Verleger sich nur noch entscheiden, ob sie Geld dafür nehmen oder die Anzeigen besser vermarkten, und dann den Gewinn an uns Journalisten weitergeben und dann… Der Mann am Laptop räusperte sich: Was, wenn ein Teil der Nutzer jetzt zu Yahoo News abwandert, wo es gleich ganze Agenturmeldungen ohne Links gibt? Langsam sickerte die gute Stimmung, von der eben noch so viel da war, durch Tür- und Fensterritzen davon.

Aber ein Teil der Nutzer geht doch jetzt bestimmt direkt zu Onlineangeboten der Verlage? Ja, vermutlich, da war sich die Runde schnell einig. Womöglich eher zu den bekannten Angeboten, mutmaßte der Laptop-Mann, der die zunehmend gereizten Blicke seiner Kollegen gar nicht wahrnahm. Also eher zu Spiegel Online, Focus Online, Welt.de – er machte eine kleine Kunstpause – und Web.de oder GMX, wo es ja nun einmal auch Schlagzeilen gibt. Einige am Tisch stöhnten leise auf.

Der Mann am Computer war mittlerweile in Fahrt gekommen: Außerdem nutzten etliche Leute Google News gar nicht als Nachrichtenüberblick, sondern vor allem, um gezielt Artikel in den Onlineangeboten der Verlage zu finden. Ob die dann nicht einfach über Genios suchen könnten, fragte einer seiner Kollegen zaghaft. Statt zu antworten, zeigte der Mann auf seinem Laptop stumm einen Genios-Treffer: „104 Wörter, 3,21 Euro“. Als er dann auch noch begann, von Marktlücken und Paperball.de zu sprechen, konnten die meisten im Konferenzraum schon nicht mehr hinhören.

Kurz vor Mitternacht verließ die Runde endlich den Raum; der angefangene Entwurf einer Pressemitteilung („Ein guter Tag für Deutschlands Onlinezeitungen“) blieb im Papierkorb liegen. „Wir hätten uns Google-Aktien wünschen sollen“, sagte einer, als sie die Treppe hinuntergingen, aber keiner mochte lachen. „Vielleicht ist die Fee ja noch in der Nähe“, meinte ein anderer, und alle schauten angestrengt in die Nacht.

Aber da schwebte die Fee längst Hunderte Kilometer entfernt auf den Börsenverein des Deutschen Buchhandels zu, langsam und würdevoll.