Im Nachrichtenstrom

Der Herbst 1989 in einer Ein-Mann-Redaktion.

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Es war einmal eine Zeit, in der das Hamburger Stromnetz der Stadt gehörte, in der die Hamburgischen Electricitäts-Werke stolz auf ihre Geschichte waren und sich selbst ein kleines Museum mit kostenlosem Eintritt gebaut hatten, das Electrum. Und das stand zufällig in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin.

Noch ein Zufall: Im Herbst 1989 zog dort in einen fensterlosen, großen Raum im Erdgeschoss eine Sonderschau ein. Bestimmt waren die stromhistorischen Exponate für andere Menschen viel interessanter – der unvergessliche Klassiker war die auf Tastendruck tanzende Bratpfanne auf einem elektromagnetischen Feld. Aber dieser Raum da im Erdgeschoss des Electrum war so ziemlich das Paradies für mich als 12-Jährigen und hat bestimmt beeinflusst, was ich später im Leben gemacht habe.

In der einen Hälfte des Raums saß Tag für Tag ein älterer Amateurfunker mit einer Morsestation und diversen Sende- und Empfangsgeräten. Okay, nicht uninteressant, aber viel Morsecode ist bei mir nicht hängen geblieben. Viel spannender war auf der anderen Seite das, was die dpa aufgebaut hatte: An Computern mit Desktop-Publishing-Programmen arbeitete ein Redakteur, aus einer Art Foto-Fax quollen permanent Schwarzweißaufnahmen aus der dpa-Bildzentrale und jeden Tag entstand dort auf Laserdruckern eine neue Ausgabe des „Electrum Tages-Ticker“ – eine Zeitung auf einer Seite.

Vor 25 Jahren waren die Redaktionssysteme nicht die benutzerfreundlichsten, und von Gestaltung kann auch kaum die Rede sein. Aber das ist ja komplett egal, wenn man vor einem Rechner sitzt, der per Datenleitung die leibhaftigen dpa-Tickermeldungen bekommt und es plingt, wenn gerade eine Eilmeldung reinkommt. Wie gesagt: das Paradies!

Die glückliche Fügung dabei war, dass der Amateurfunker und der Redakteur ausgerechnet im Oktober 1989 ins Museum einzogen: Über einen Mangel an Eilmeldungen konnte sich keiner beklagen, und das Foto-Fax lieferte täglich historische Aufnahmen. Ich bin dann da einfach mit eingezogen. Fast jedenfalls, ich hab nahezu jeden Tag zugeschaut und irgendwann angefangen mitzumachen, Tickermeldungen für das Blatt umzuschreiben und selbst Texte zu verfassen.

Honeckers Rücktritt, die Massenproteste auf dem Alexanderplatz, der Fall der Berliner Mauer: Den Herbst 1989 hab ich natürlich wie die meisten anderen auch vor allem aus Fernsehen und Zeitungen mitbekommen. Aber eben auch ein wenig in einem Museum, in dem Bratpfannen auf elektromagnetischen Feldern tanzen, mit einem morsenden Amateurfunker nebenan. Good times.