Netzmythen in den Medien
Über die Macht der USA im Internet.
Die aktuelle Berichterstattung über WSIS und ICANN ist bislang für weite Teile des deutschen Journalismus kein Ruhmesblatt. »Och, da bleibt ja in Sachen ICANN fast alles beim alten«, tönt es überall. Glückwunsch: In Tunis ging es nur um die Frage, ob alles beim alten bleibt, weil der Kompromiss so lautet oder weil kein Kompromiss gefunden wird. Den Entscheidungskampf um die Internet-Weltherrschaft gibt es nur in den Köpfen von Journalisten — auch die EU zählt zu ICANNs Eltern und will an der Organisation festhalten.
Natürlich haben die USA Macht, natürlich auch im Internet. Das aber an der ICANN-Aufsicht festzumachen, ist nicht sehr überzeugend: Schließlich könnte diese spezifische Macht im Konfliktfall schnell zerbröseln. Und um von dieser Auffassung auch andere zu überzeugen, habe ich hier ein kleine grafische Lüge vorbereitet.

So sehen die Internet-Optionen unter Windows XP nicht aus, aber so könnten sie ohne Weiteres aussehen. Dass nahezu jeder Internetnutzer der Welt das ICANN’sche Rootserver-System verwendet — ohne es zu wissen — hat zwar viele gute Gründe, aber ist kein Naturgesetz. Die Nutzer könnten umsteigen auf Anbieter wie Open RSC oder New.net, die sich außerhalb des ICANN-Prozesses neue Domainendungen ausgedacht haben. Sie könnten wechseln zum European Open Root Server Network, das im Falle politischen Missbrauch des ICANN-Roots bereitsteht. Es könnten neue Anbieter dazu kommen, ob sie nun Google, eBay, Microsoft, Yahoo oder Apple heißen. Macht hat also beispielsweise auch derjenige, der entscheidet, ob Windows Vista standardmäßig ein anderes Rootserver-System verwendet oder nicht.
Worin liegt denn die immer wieder debattierte Macht der US-Regierung? Alle 13 Rootserver im ICANN’schen System beziehen ihre Informationen von einem so genannten »Distribution Master«. Die US-Regierung kann gegen Änderungen an dieser Rootzone ein Veto einlegen. (Die Rootzone ist eine 64 Kilobyte schlanke Textdatei mit der Information, welche Server die Daten für die Top-Level-Domains von .ac über .com und .de bis .zw haben.)
Kann die US-Regierung alles mit den ICANN’schen Rootservern tun? Kaum. Die Rootserver werden von sehr unterschiedlichen Organisationen betrieben. Einige davon würden dem US-Handelsministerium vermutlich auch bei sehr zweifelhaften Entscheidungen folgen (E, G, H?), andere würden mit ziemlicher Sicherheit ausscheren, wenn das Rootserver-System missbraucht würde (F, I, K?). Je krasser der Missbrauch wäre, desto schneller würde das ICANN’sche Rootserver-System abgelöst. Ich habe es schon einmal geschrieben: Würde die .de-Domain aus dem Root gelöscht, würden sich Deutschlands Wirtschaft, Staat und Wissenschaft binnen Stunden zusammenfinden, um ein alternatives Rootserver-System aufzusetzen.
ICANN hat also keine ungezähmte Macht, die Rootserver-Betreiber haben sie nicht und die US-Regierung hat sie auch nicht. Die USA haben überproportionale Einflussmöglichkeiten auf ICANN, aber von der Internet-Weltherrschaft sind sie weit entfernt.
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